Das Tapfere Schneiderlein

 

Es mag zwar lange gedauert haben, aber schließlich hat sich doch gezeigt, dass das Märchens vom "Tapferen Schneiderlein" recht hat, und es tatsächlich möglich ist, beruflich und gesellschaftlich von ganz unten nach ganz oben, vom Schneider zum König, aufzusteigen. Mittlerweile gibt es zu viele Beispiele von Menschen, die dies vollbracht haben und Konzernchefs, Milliardäre oder Bundeskanzler geworden sind, um daran noch zweifeln zu können. Und wenn es auch wohl die meisten von ihnen durch besondere Fähigkeiten geschafft haben mögen, wie Fleiß, Intelligenz, Genialität und dergleichen, so findet man auch immer wieder solche, die dem Tapferen Schneiderlein nacheifern und versuchen, die gewünschte Krone ohne Begabungen oder Mühen, dafür nur durch List, Tücke, Dreistigkeit und Prahlerei zu erhalten - ganz so, wie sie es in dem Märchen gelesen haben.

 

Ob sie ihr Ziel erreichen werden, diese listenreichen Prahler mit ihrem stattlichen Selbstvertrauen, das wird die Zeit zeigen, doch sicher ist es keineswegs. Denn bei dem "Tapferen Schneiderlein" handelt es sich wie gesagt um ein Märchen und eben nicht um eine Geschichte, was einen sehr großen Unter-schied ausmacht. Für gewöhnlich haben Märchen nämlich versteckte Hinweise, die die so klar erschei- nenden Aussagen infrage stellen, ja möglicherweise sogar ins Gegenteil kehren - wie eine Schleife, die die Logik des Handlungsstrangs verdreht und verknotet (näheres dazu hier).

 

Einen solchen Hinweis findet man bei dem "Tapferen Schneiderlein" gleich am Anfang, in dem der Schneider, der sicherlich nicht ohne Grund nur die Verkleinerungsform "Schneiderlein" erhalten hat, als ganz widerlicher Typ vorgestellt wird - als "fieser Möpp", wie die Rheinländer sagen würden. Er lässt eine Marktfrau unter dem Vorwand, sie würde ein gutes Geschäft mit ihm machen können, drei Stockwerke zu ihm hinaufsteigen, natürlich vollbepackt mit schweren Körben, um sich dann, nach langwieriger Prüfung aller ihrer Mustöpfe, lediglich 4 Lot aus einem der Töpfe abwiegen zu lassen. Das sind 50- 60 Gramm, also etwa so viel wie ein Golfball, gerade einmal ausreichend für eine einzige Mus-Stulle, und alles andere als ein "gutes Geschäft". Natürlich ist die Marktfrau darüber verärgert und fühlt sich zu recht betrogen, doch es kümmert den Schneider nicht im Geringsten. Hier zeigt sich zum ersten Mal die vorherrschende Eigenschaft des Schneiders - er ist ein rücksichtsloser Egomane, also krankhaft Ich-süchtig und lebt vollständig in seiner eigenen, selbstverliebten Welt. Diese Eigen-schaft muss jeder, der an dem Erfolg des "Schneiderleins" anknüpfen will, natürlich auch besitzen. Geiz oder Armut sind es nämlich nicht, die ihn hindern, wenigstens einen Topf voll Mus abzunehmen, wie man meinen könnte. Denn wäre es so gewesen, hätte er anschließend nicht mit einem Lappen auf die Fliegen geschlagen, die sich auf der gemachten Mus-Stulle niedergelassen hatten, und diese da- durch ungenießbar gemacht (was ihn auch nicht weiter kümmerte). Genauso hätte er, wenn er zu arm für einen Topf voll Mus gewesen wäre, nicht seine Arbeit an dem Wams abgebrochen, sondern sie fertiggestellt, um den Lohn dafür zu erhalten.

 

Aber nein, das interessiert ihn alles nach seiner angeblichen Wahnsinns-Tat (durch diesen Lappen-Schlag sieben (Fliegen) auf einen Schlag getötet zu haben) nicht mehr, und so näht er sich lieber einen Angeber-Gürtel, bevor er sich auf den Weg macht, die Welt zu erobern.

 

Das schafft er bekanntlich tatsächlich. Mit einer eigenartigen Mischung aus List, Tücke, übersteiger- tem Selbstwertgefühl, aber auch Skrupellosigkeit (das zeigt sich im Umgang mit den Riesen, die er dazu bringt, sich gegenseitig umzubringen, woraufhin der Schneider die beide Riesen noch zusätzlich ersticht) und unerhörtem "Dummenglück" (er besitzt häufig gerade die Dinge, die ihm weiterhelfen), erhält er das halbe Königreich und die Hand der Königstochter dazu. Dieser Erfolgsweg wird von vielen als listenreiches "Husarenstück" angesehen, für das man ihm Hochachtung zollt, da er ja letzt- lich alle gestellten Aufgaben wirklich erfüllt.

 

Auch das Märchen scheint die Aussage zu treffen, man müsse nur selbstsüchtig und listig "sein Ding durchziehen" und sich nicht um die Belange anderer kümmern, dann würde sich der Erfolg schon einstellen. Nun endet das Märchen aber nicht an dem Punkt, als der Schneider seinen Erfolg feiert, sondern geht noch weiter. Und da zeigt sich, dass der Erfolg rein materieller Natur ist, denn Freunde hat er sich dabei nicht gemacht. Im Gegenteil - die Tatsache, dass sich praktisch seine gesamte Umge- bung zu einem Mordkomplott gegen ihn verbündet, wobei seine eigene Frau sogar die Initiatorin dieses Komplotts ist, sollte einem schon zu denken geben. Nur der Waffenträger des (alten) Königs ist dem Schneider aus welchem Grund auch immer gewogen und gibt ihm die Möglichkeit, den Mordan- schlag zu vereiteln.

 

So bleibt der Schneider zwar sein Lebtag lang ein König, aber einer, der von allen, selbst von seiner eigenen Frau verabscheut wird, und der nicht weiß, ob und wann der nächste Anschlag auf sein Leben verübt werden wird. Wem das genügt, bitteschön - Typen wie das "Tapfere Schneiderlein" wird auch dies nicht kümmern. Allen anderen, denjenigen, die sich neben dem Erfolg auch noch Freundschaft und Liebe wünschen, sollte dagegen klar sein, dass dies nicht der passende Weg zur Erfüllung ist und auch nicht sein kann.

 

Dabei sind es aber nicht List, Tücke und Prahlerei, die den Erfolg so fragwürdig machen, sondern die Beweggründe des Schneiders. Das zeigt ein anderes Märchen der Gebrüder Grimm, der "Gestiefelte Kater", sehr deutlich. Darin geht es um einen armen Müllersohn, der nichts weiter als einen Kater erbt. Sein Erfolgsweg ist vollkommen anders, da er eigentlich gar nichts tut, außer dem Kater zu ver- trauen und dessen Anweisungen zu folgen. Der Kater jedoch, der die eigentliche Hauptfigur darstellt, legt ein vergleichbares Husarenstück hin wie das Tapfere Schneiderlein - mit dem Unterschied, dass er dies nicht aus Eigennutz tut, sondern vielmehr aus Dankbarkeit dem Müllersohn gegenüber, und auch nur für dessen Erfolg und Ruhm, nicht für seinen eigenen. Am Ende bekommt der Müllersohn das Königreich, die Prinzessin (die dem Müllersohn "keineswegs abgeneigt" ist) und behält gleichzeitig mit dem Kater sowohl den besten Freund, den man sich vorstellen kann, als auch einen fähigen Be- rater in Regierungsfragen.

 

Doch auch der Kater geht nicht leer aus, denn er wird zum ersten Minister ernannt, was für einen Kater (!) eine unglaubliche Auszeichnung ist - und zwar nicht nur als Geste der Dankbarkeit vom Müllersohn, sondern auch als Zeichen der Hochachtung und Anerkennung der "katerlichen" Lei- stungen.

 

Na, das nenne ich doch einmal einen richtigen Erfolg, denn alle sind zufrieden, abgesehen von dem Zauberer, den der Kater gefressen hat, nachdem er sich in eine Maus verwandelt hatte. Aber wie es scheint, war der nur eitel und dumm, und vermisst wurde er auch nicht. Also sind doch alle zufrieden, zumindest alle, die es verdient haben.

 

Ob die Masche des Katers allerdings auch in die Realität umgesetzt worden ist, kann ich nicht sagen. Ich bin jedoch davon überzeugt, einfach deswegen, weil alle Märchen erfüllt werden wollen. Es ist nur so: da der Kater im Hintergrund agiert, ist er so schwer auszumachen. Vielleicht sollte man einmal diejenigen näher beleuchten, die hinter den berühmten und erfolgreichen Menschen stehen - es würde mich nicht wundern, wenn viele gestiefelte Kater darunter wären.

 

© Diana Weisheit