Der Zukunft entgegen

 

 "Märchen müssen in die Zukunft gerichtet sein." Dieses Zitat von Novalis, scheint auf den ersten Blick recht unglaubwürdig, wenn nicht gar an den Haaren herbeigezogen zu sein. Doch das ist es keineswegs, denn damals, vor vielen Jahrhunderten, als die alten Märchen entstanden, waren sie in der Tat sehr zukunfts- weisend. Zu dieser Zeit war das einfache Volk, von dem die meisten Märchen stammen, größtenteils bettelarm und ohne Chance auf eine positive Änderung der teils katastrophalen Zustände.

 

Die Märchen indes gaben den Menschen Hoffnung, nicht nur auf ein besseres Leben, sondern auf das ganz "große Glück" - auf Gerechtigkeit; auf einen rettenden Prinzen; auf einen plötzlichen Goldsegen vom Himmel; auf eine Karriere vom armen Müllersohn zum Grafen; auf die wundersame Erfüllung von Wünschen; und natürlich die himmlische Hilfe in ausweglosen Situationen. Daran hielten sich die Menschen fest, wie trostlos ihr Leben auch gewesen sein mochte.

 

Ab der Zeit der Aufklärung im 18. Jh., wurden die Märchen jedoch zunehmend als Gerüchte, unglaub- hafte Geschichten oder gar als "Lügen" verunglimpft. Dies geschah zum einen sicher deswegen, weil das mittlerweile gebildete Bürgertum sein Schicksal selber in die Hand nehmen wollte, und man nun lieber auf seinen Verstand setzte, als auf irgendwelche "Wunder" zu hoffen, die verstandesgemäß sowieso niemals eintreffen würden oder könnten. Dabei wurde jedoch übersehen, dass zwar die Men- schen die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert hatten, aber Märchen die nötigen Visionen dafür geliefert und damit die Grundlage für Veränderungen geschaffen hatten.

 

Vielleicht war dies auch der Grund für die bald folgende Epoche der Romantik, in der auch die Samm- lung der Gebrüder Grimm veröffentlicht wurde, die bekanntermaßen sehr großen Anklang in der Be- völkerung fand. Denn auch, wenn die einen sich an den, wie sie dachten, phantasievollen "Geschich- ten" aus alten Zeiten erfreuen wollten, erkannten die anderen Begeisterten die Bedeutung und das Potential der Märchen für die eigene Lebensgestaltung, sowie Lösungen für problematische Lebens- situationen.

 

Ob die alten Märchen seit der Zeit der Aufklärung noch zukunftsweisend sind, kann man sich streiten. Besonders die Tatsache, dass es einen immer stärker werdenden Trend zur "Verwässerung" gibt, mit vielen flachen oder gar lächerlichen Adaptionen (in Filmen, aber auch neu gestalteten Märchenbü- chern), ist ein Zeichen, das dagegen spricht. Denn diese degradieren mit ihren starken und bunten Bildern die Märchen genau zu den moralischen Geschichten, die Gegner in ihnen sehen.

 

Dabei sind Märchen, auch die alten Märchen, genau das nicht. Sie vermitteln zwar Werte, doch nicht "moralische Werte", also solche, die auf eine moralisch korrekte Verhaltensweise ausgerichtet sind - auch wenn es ihnen immer wieder unterstellt wird. Vielmehr sind es "Grundwerte des Lebens", die dort behandelt werden, und diese sind abseits von Moral und Sitte. Sie stellen Fragen nach dem Sinn, der Aufgabe, dem Ziel sowie den Möglichkeiten des Lebens. Durch sie kann man zum Beispiel die ausweglose Situation eines Aschenputtels auch als Ausgangslage dafür sehen, seinen "Märchenprin- zen" zu erhalten; oder Armut als große Chance erkennen, eine "märchenhafte" Karriere zu machen.

 

Ohne Hoffnungen und neue Möglichkeiten für die Zukunft aber wird das Leben trostlos und leidet unter dem Fehlen von Werten und ZIelen. Genau dies tritt in den letzten Jahrzehnten immer stärker zutage, sowohl innerlich als mittlerweile auch äußerlich. Wir wissen nicht mehr, warum und wozu wir auf der Welt sind - denn weder Arbeit, noch Partys, noch Reichtum oder Berühmtheit können diese Lücke füllen. Und aus diesem Grund zerfällt auch die ganze Welt, zumindest jene, die wir kennen.

 

So ist es Zeit für neue Märchen, für neue Ziele und ungeahnte Möglichkeiten - für eine "Neue Welt". Und genau deshalb sind die "Märchen der Weisheit" entstanden: um Sie in diese "Neue Welt" zu begleiten. Auch sie beschreiben Wunder dieser Welt, sie werden jedoch nicht durch wundersame Wesen vollbracht, da wir in der Lage sind, dieses selbst zu tun. Grausamkeiten wie in den "alten" Märchen finden sich dort allerdings nicht, da sie nicht mehr benötigt werden, und der Schreibstil ist recht modern und doch zeitlos gewählt. Der vielleicht größte Unterschied zu den alten Märchen ist aber der, dass die Märchen zwar selbstverständlich auch für die Seele und das Herz geschrieben sind, es aber zusätzlich Anmerkungen gibt, damit man die Dinge nicht mehr nur intuitiv erspüren muss, sondern sie auch mit dem Verstand erfassen kann. Das ist ganz wichtig für die "Neue Welt", die es zu errichten gilt, denn von nun an sollen Seele, Herz und Verstand zusammenarbeiten.

 

Und noch etwas unterscheidet diese Märchen von allen anderen, die ich kenne: sie sind nur scheinbar unabhängig voneinander, da sie ein Gesamtbild ergeben und ineinandergreifen. (Näheres dazu unter: Das große Puzzle)

 

Vieles von dem, was Sie in den Märchen erfahren werden, mag heute noch unglaublich erscheinen. Aber wir stehen auch erst am Anfang dieser wunderbaren "Neuen Zeit", für die sie geschrieben wur- den, und so wären die "Märchen der Weisheit" wohl kaum in die Zukunft gerichtet, wenn dort doch nur das stünde, was heute schon Realität ist.

 

© Diana Weisheit