Die Bedeutung von Märchen

25.03.2016

 

Auch wenn man es nicht glauben mag, so gehören Märchen zu den wichtigsten Texten der Menschheit. Ihr Anliegen ist es, die Menschen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen, und zwar persönlich, gesellschaftlich und spirituell. Das gilt für alle Märchen, die klassischen wie die modernen, denn sie beschreiben und erklären die Gesetze des Universums, also jene Grundwahrheiten, die jenseits von Moral und Zeit gelten, und die über das reine Erfassungsvermögen unserer Sinnesorgane hinausgehen. Leider hat man dies in der Vergangen- heit nur selten verstanden, und so wurden sie, besonders in den vergangenen kopflastigen Jahrhun- derten, überheblich belächelt.

 

Nun ist es aber auch wirklich nicht leicht, Märchen zu verstehen. Das liegt zum einen daran, dass sie meistens in eine einfache, scheinbar naive Handlung eingebettet sind, bei der man nicht mit einer tie- fen Wahrheit rechnet, abgesehen von einer offensichtlichen Moral. Zum zweiten sind die Wahrheiten verschleiert und versteckt. Verstehen kann man sie daher nur, wenn man seinen Blick unvoreinge- nommen auf den Text legt, ohne ihn durch die üblichen Wertvorstellungen verzerren zu lassen - all dem, was wir als richtig oder falsch, als gut oder böse, als logisch oder unlogisch betrachten. Solche Verzerrungen geschehen aber sehr schnell und zudem auch noch ganz unbemerkt. Sobald wir etwas lesen oder hören, das uns verwundert, schaltet sich unser Kopf ein und bietet eine Erklärung für diese Merkwürdigkeit, die unseren Wertvorstellungen entspricht. Das geschieht zwar bei allem, was wir le- sen oder uns widerfährt, doch bei Märchen ist es besonders gravierend, da wir so ihre Schätze, die es zu entdecken gilt, nicht finden können.

 

Was die klassischen Märchen anbelangt, so liegen die Schätze einmal in dem Vertrauen darauf, dass Wunder geschehen können - auch und gerade in Zeiten größter Not. Und da sich die Wunder durch die unterschiedlichsten Begebenheiten und Figuren äußern können, sollte man stets wachsam gegen- über seiner Umwelt sein. Zum anderen werden dort aber auch viele Dinge des üblichen Weltbilds an- gesprochen. Zum Beispiel: Sind Flüche wirksam (z.B. bei Dornröschen) - und wenn ja, wirken sie auch so, wie der Fluchende es gedacht hat? Muss man immer brav sein beziehungsweise Gesetze und Ge- bote einhalten (Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, Das Tapfere Schneiderlein)? Wird man für gute Taten belohnt (Sterntaler)? Muss man Verträge einhalten (Rumpelstilzchen)?

 

Diese und viele andere Fragen, die zugegebenermaßen teilweise sehr tief unter der Handlung ver- steckt liegen, werden dabei meist nicht beantwortet, doch sind sie nach meinem Kenntnisstand da- rauf ausgerichtet, dass man sein Weltbild hinterfragt. Wenn man dies tut, wird man vielleicht sehr schockiert sein, vielleicht aber auch erleichtert, denn man beginnt daran zu zweifeln, ob die Dinge, die man stets als selbstverständlich angenommen hatte, nicht vielleicht in Wahrheit ganz anders sind. Das jedoch kann dazu führen, dass man sich entwickelt und letztlich erkennt, wer man ist - womit sich das vermutlich größte Anliegen der klassischen Märchen erfüllt.

 

Meine Märchen jedoch, wie auch hoffentlich diejenigen, die meinen noch folgen werden, haben an- dere Anliegen. Sie sind für ein neues Zeitalter, ein neues Weltbild, ja für eine neue Welt geschrieben, in dem/der es nicht mehr darum geht, zu erkennen, wer man ist, sondern vielmehr, wohin die Reise denn hingehen soll. In dem Moment nämlich, da man sich selbst erkannt hat, da man sich nicht mehr nach dem richten muss, was man angeblich darf oder nicht darf, stellt sich die Frage: Was will ich?

 

 Auch meine Märchen handeln von Wundern, allerdings treten sie nicht mehr unvermittelt und ohne rationalen Hintergrund auf, wie zum Beispiel das Erscheinen des Jägers bei Rotkäppchen. Vielmehr sind sie die logische Konsequenz der Gegebenheiten. Genauso schlittern die Helden nicht wie früher in irgendwelche Katastrophen, sondern gehen stattdessen einen Weg, den sie entweder freiwillig ge- wählt haben, oder der für ihre Entwicklung notwendig ist.

 

Bei dieser Entwicklung geht es dabei nach wie vor um Vertrauen, doch nicht mehr auf das Vertrauen darauf, am Ende würde alles gut werden, sondern dass es bereits gut ist, beziehungsweise, dass man sich immer auf dem richtigen Weg befindet. Es ist das Wissen um die Fülle, die uns umgibt, und die man jederzeit nutzen kann - die Fülle an Möglichkeiten genauso wie die Fülle an inneren und äußeren Werten.

 

Und wenn es schließlich dazu führt, dass man erkennt, wie wertvoll man ist, dann hat sich das wohl größte Anliegen meiner Märchen erfüllt, denn dann ist man bereits in der neuen Welt angekommen.

 

Was die neue Welt bedeutet, lesen Sie hier…

 

 © Diana Weisheit