Die Wolfsfrau und die Märchen der Weisheit

10.12.2015

 

Kennen Sie das Buch "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola Estés? Wenn meine Ar- beit mit etwas vergleichbar ist, dann am ehesten mit diesem wunderschönen und von mir hochgeschätzten Buch.

 

Das ist eigentlich erstaunlich, denn im Gegensatz zu mir stammt Frau Pinkola Estés aus einer Familie von Märchen-Erzählern und Märchen-Bewahrern, ist Psychologin und nimmt einige dieser von ihr "be- wahrten" Märchen, um sie auf gefühlvolle Weise zu interpretieren und als Beispiele für ihr zu- grundeliegendes psychologisches Thema "Die Kraft der weiblichen Urinstinkte" zu verwenden.

 

Ich hingegen schreibe neue Märchen. Sie stellen den Kern meiner Arbeit dar und behandeln eine Viel- zahl von Themen. Sie werden durch meine Anmerkungen auch nicht interpretiert, sondern lediglich in den wichtigsten Punkten auf sachliche und wirtschaftswissenschaftliche Weise näher beleuchtet.  

 

Und dennoch sind sehe ich eine gewisse Vergleichbarkeit, die in der Kombination von Märchen mit erklärenden Texten liegt.

 

Frau Pinkola Estés ist dabei eine Spezialistin, die ein einziges Thema ("Die Kraft der weiblichen Ur- instinkte") sehr gründlich behandelt. Sie führt den Leser/die Leserin langsam und therapeutisch in dieses Thema ein, das sie auf wunderbare Weise bis in die Tiefe auslotet. Die Märchen werden dabei gewissermaßen eingestreut, um die einzelnen Aspekte zu verdeutlichen, wohl auch deswegen, weil Bilder bekanntlich tausendmal mehr sagen als Worte.

 

Meine "Märchen der Weisheit" würde ich dagegen als "generelles" Werk bezeichnen. Die Märchen sind dabei sicherlich nicht so symbolgewaltig wie die erzählten Märchen von Frau Pinkola Estés, da mein Schwerpunkt eher im Erklärenden als im Erzählenden liegt, und ich auf ausschmückende Be- schreibungen weitestgehend verzichtet habe, um  nicht Gefahr zu laufen, dass die eigentliche Aussage in den Hintergrund tritt.  Generell ist es deswegen, weil jedes Märchen ein eigenes, wie ich meine, gro- ßes Thema umfasst - zum Beispiel Schuld, Leid, die ewige Liebe, aber auch das Sterben, große Träu- me, Lebenswege aller Art, Vertrauen, Wünsche und noch viel mehr. Die Anmerkungen zu jedem Mär- chen sollen auch nicht analysieren oder gar interpretieren, sondern Hintergrundinformationen und Anregungen für das jeweilige Thema zur Verfügung stellen und den einen oder anderen Punkt, der für das Verständnis des Märchens wichtig ist, deutlich machen. Sie sind dabei ganz bewusst möglichst kurz gehalten. Dadurch wirken die Märchenbände möglicherweise ein wenig zart und schlicht, gerade im Vergleich zu der "Wolfsfrau", doch in Wahrheit sind sie nur sehr kompakt. Das halte ich für sehr wichtig, da die neuen, beziehungsweise ungewohnten Gedanken, die in meinen Bänden zu finden sind, in einem großen und weitschweifenden Textfluss schnell untergehen könnten. Und davon abge- sehen sind die Märchen nicht dazu gedacht, dass man sie "mal schnell abarbeitet", sie wollen vielmehr immer wieder, möglichst langsam und bedächtig, gelesen werden, denn nur so öffnen sie ihre tiefen Geheimnisse.

 

Auch im Gegensatz zu "Die Wolfsfrau" sind meine Märchen nicht auf einen roten Faden aufgereiht, der sich von Anfang bis Ende durchzieht. Jeder Band besitzt eine Mischung unterschiedlichster Mär- chen, die ein buntes Nebeneinander unabhängiger Texte darstellen. Einen roten Faden gibt es bei mir aber auch, allerdings liegt dieser über den Märchen, in dem Sinne, dass sich die Märchen zu einem Gesamtbild zusammenfügen, zu einem neuen Weltbild. (Näheres dazu hier). Wer nur ein oder zwei meiner Märchen oder einen einzigen Band gelesen hat, wird das sicherlich nicht erkennen können. Dazu sind die Märchen zu weit gestreut, in ihrer Handlung wie auch dem zugrundeliegenden Thema - denn jeder, ob männlich oder weiblich, alt oder jung, sollte sich in jedem Band angesprochen fühlen und das Richtige für sich finden können. Daher würde ich den roten Faden eher als Netz bezeichnen, der die Märchen miteinander verbindet. Ab dem zweiten Band habe ich zusätzlich Querverweise zu früheren Veröffentlichungen eingefügt, durch die man Parallelen und andere Verbindungen zwischen den Märchen erkennen kann.

 

Nun ist das großartige Werk "Die Wolfsfrau" geschaffen worden, um den Lesern (und dabei natürlich vorrangig den Frauen) zu helfen, sich selbst zu erkennen, ihnen zu zeigen, wer sie sind. Bei meinen Märchen, als Gesamtwerk genommen, steht stattdessen die Botschaft im Vordergrund, dass eine neue Welt auf uns wartet, die entdeckt, erfahren, aber auch gestaltet werden will. Und so, wie "Die Wolfsfrau" einen Blick nach innen, in die Tiefe, ermöglicht, bieten die "Märchen der Weisheit" einen Blick nach vorne, in die Zukunft, in eine ganz neue Welt. Dass es dabei unabdingbar ist, gestalterisch neue Wege zu gehen, liegt eigentlich auf der Hand.

 

© Diana Weisheit 2015