Dornröschen aus meiner Sicht Teil 1

 

Es gibt viele Analysen über Dornröschen, was kein Wunder ist, da dieses Märchen herrlich viele Ebenen besitzt und dementsprechend auch vielfältig gedeutet werden kann.

 

Mir persönlich sind einige Dinge besonders aufgefallen, auf die ich hier näher eingehen will, und die ich in keiner der von mir gelesenen Analysen gefunden habe.

 

Ausgangspunkt des Märchens ist ja das Problem, dass man zwölf goldene Teller schlecht auf dreizehn Feen (oder in späteren Versionen „weise Frauen“) verteilen kann. Aus diesem Grund, so steht es in der Originalfassung, „…konnte er (der König) eine nicht einladen…“ zu dem rauschenden Fest, das er aus Freude über die Geburt seiner Tochter veranstalten ließ.

 

Diese Behauptung ist schon sehr merkwürdig, denn es gab durchaus Lösungen, die jedem, der ein wenig über die Angelegenheit nachgedacht hätte, auch eingefallen wären. Zum Beispiel hätte der Kö- nig einen weiteren goldenen Teller in Auftrag geben beziehungsweise von jemandem leihen können, oder er hätte einfach allen Feen die gleichen Teller wie allen anderen Gästen vorgesetzt, von denen es sicherlich genug gab.

 

Über die Frage, warum der König keine dieser oder anderer Lösungen in Betracht gezogen hat, wird viel spekuliert. Letztlich ist es meines Erachtens jedoch einerlei, ob die 12-Teller-Problematik lediglich ein Vorwand war, um der Zahl 13 zu entgehen beziehungsweise eine bestimmte Fee nicht einladen zu müssen, oder ob er einfach nur ein Dummkopf war: er musste wie jeder andere die Konsequenz für seine Taten tragen – auch als König. Und eine Macht herauszufordern, die er nicht beherrschen konn- te, musste unweigerlich zu Konsequenzen führen.

 

Dazu kam es ja dann auch, als die nicht eingeladene Fee stinksauer das Fest stürmte. Für gewöhnlich wird die Fee dadurch als böse angesehen, doch in der Originalfassung ist davon nichts zu finden. Im Gegenteil ist dieser Teil erstaunlich sachlich geschildert, es heißt nur, sie war „…recht zornig, dass sie nicht war eingeladen worden…“, bevor sie ihren Todesfluch ausstieß.

 

Wenn man sich einmal in die Situation der Fee hineinversetzt, kann man diesen Zorn gut verstehen. Abgesehen davon, dass sie nicht zur Party des Jahres, wenn nicht gar des Jahrzehnts, eingeladen worden war, ging es hierbei auch noch um die Anerkennung ihres Status als Fee und ihren Ruf im Königreich. Beides wurde ihr gewissermaßen aberkannt, wenn alles, was Rang und Namen hatte, eingeladen worden war – also alle außer ihr. So musste natürlich jeder im Königreich davon ausgehen, sie wäre niemand von Bedeutung, denn sonst wäre sie ja eingeladen worden. Vermutlich kam für sie noch ein anderer Gedanke erschwerend hinzu, nämlich der, dass alle anderen Feen der Einladung gefolgt waren, was die dreizehnte Fee wahrscheinlich als „Verrat unter Feen“ ansah. Natürlich war sie da außer sich vor Zorn, keine Frage. Dass dies aber noch lange keinen Todesfluch rechtfertigte, und schon gar nicht gegen ein unschuldiges Baby, ist eine ganz andere Sache, die aber zum Glück von der zwölften Fee gemildert werden konnte. Ich werde später noch darauf eingehen.

 

Was der König mit seinem Verhalten der Fee damit angetan hat, egal ob vorsätzlich oder fahrlässig, war ihm zwar sicherlich nicht bewusst gewesen. Doch Unwissenheit schützt bekanntermaßen nicht vor Schaden, und dieser Schaden war beträchtlich, genauer gesagt die Prognose, die einzige Tochter an deren fünfzehnten Geburtstag zu verlieren.

 

Dies war ein großer Schock für den König und gleichzeitig eine gute Gelegenheit, um seinen Fehler einzusehen und möglichst zu berichtigen. Ich bin der Meinung, es wäre am besten gewesen, die dreizehnte Fee aufzusuchen und sie um Entschuldigung zu bitten; möglicherweise hätte sie dann ihren Fluch sogar zurückgenommen, was allerdings reine Spekulation ist.

 

Der König kam allerdings wohl nicht auf den Gedanken, er hätte einen Anteil an den Geschehnissen, denn seine Reaktion war einzig der Befehl, alle Spindeln im ganzen Königreich abzuschaffen. Damit glaubte er, er hätte sich und Dornröschen von dem Fluch befreit.

 

Er fühlte sich derart sicher, dass er es tatsächlich fertig gebracht hat, an dem bestimmten Tag, dem fünfzehnten Geburtstag von Dornröschen, nicht zu Hause zu sein, sondern stattdessen, wie es im Original heißt, mit der Königin „ausgegangen“ war. Diese Gelegenheit ließ sich Dornröschen natürlich nicht entgehen, um einen Streifzug durch abgelegene Teile des Schlosses zu unternehmen.

 

Dadurch konnte sich der Fluch nicht nur erfüllen, er musste es sogar, denn mit Verlaub, dieses Verhal- ten des Königs, diese unglaubliche Sorglosigkeit und grenzenlose Selbstüberschätzung, die mir zuvor übrigens nie aufgefallen war, schreit doch buchstäblich nach einem Dämpfer – der ja auch kam.

 

Wenn man das Märchen aus diesem Blickwinkel betrachtet, werden all die Ungereimtheiten plötzlich nicht nur erklärbar, sondern fügen sich, zumindest meiner Meinung nach, herrlich zusammen. Es ent- steht das Bild der Mahnung vor Selbstüberschätzung und zu mehr Selbstkritik, aber auch der Auffor- derung zu mehr Achtung vor den nicht-weltlichen Mächten.

 

Doch es steckt noch mehr darin, sowohl, was den Fluch, die Fee und natürlich Dornröschen anbe- langt. Das folgt in wenigen Tagen in Teil 2.

 

© Diana Weisheit 2014


Dornröschen aus meiner Sicht - Teil 2

 

Ein weiteres Thema des Märchens sind Flüche, ein wohl sehr wichtiges Thema, da der Fluch der Fee, beziehungsweise der beiden Feen, recht aus- führlich beschrieben wird.

 

Ob Flüche oder Verwünschungen überhaupt wirken, beantwortet das Mär- chen bekanntlich mit einen deutlichen „Ja“ – zumindest, soweit sie von einer Fee ausgesprochen wer- den.

 

In dem Märchen heißt es, dass Dornröschen an dem vorhergesagten Tag auf ihrem Streifzug in einer Kammer eine flachsspinnende, alte Frau vorfand, die übrigens als ausgesprochen sympathisch be- schrieben wird. Dieser Frau nahm sie die Spindel ab und stach sich daran, woraufhin der Fluch pünkt- lich zu wirken begann, indem Dornröschen in den bekannten hundertjährigen Schlaf fiel.

 

In vielen Verfilmungen ist an dieser Stelle zu sehen, wie sich die flachsspinnende Frau plötzlich in die dreizehnte Fee verwandelt, die nun ihre wahre, böse Gestalt zeigt und sich über ihre dunkle Macht freut. Davon ist im Original-Märchen jedoch nichts zu erkennen, und ehrlich gesagt, wäre dies auch unlogisch. Das Besondere an einem Fluch ist ja gerade, dass er sich auf irgendeine, geheimnisvolle Art erfüllt, eben ohne das aktive Handeln des Fluchenden. Andernfalls wäre ein Fluch nichts anderes als die Ankündigung einer Straftat, die man zu einem späteren Zeitpunkt entsprechend ausübt. Für die Erfüllung eines Fluches muss logischerweise eine höhere Instanz sorgen, die in der Lage ist, die Dinge auf die angesprochene geheimnisvolle Art in die Wege zu leiten. Eine Instanz, die nach Ansicht des Märchens weder gut noch böse war, immerhin hatte die zwölfte Fee auch Zugang zu ihr, als sie den Todesfluch in einen Schlaf-Fluch umwandelte – und die war ja wohl eine ganz liebe Fee.

 

Nun ist es sicherlich nicht so, sollten Flüche wirklich funktionieren, dass jeder Fluch auch erfüllt wird. Andernfalls wären wir alle vermutlich nicht mehr am Leben, wenn jeder Missgünstige einfach nur einen (Todes)fluch aussprechen müsste, um einen anderen erfolgreich aus dem Weg zu räumen. Diese Instanz muss die Flüche also gründlich prüfen, bevor sie an deren Erfüllung geht.

 

Wie kommt es dann, dass gerade der Fluch der dreizehnten Fee, wenn auch in abgemilderter Form, diese Prüfung besteht? Einen erfüllten Fluch gegen den König kann man angesichts dessen Mach- tmissbrauchs noch nachvollziehen, aber gegen das kleine Kind in der Wiege nicht.

 

Das ist wieder so eine Ungereimtheit, für die es keine Erklärung gibt. Erst recht, wenn man bedenkt, dass der Fluch nicht nur Dornröschen hundert Jahre in Schlaf gesetzt hat, sondern den ganzen Hofstaat gleich mit, von den Bediensteten bis hin zu dem kleinsten Tier, sich also in einen „Mega-Fluch“ verwandelt hat, ohne dass eine der beiden Feen davon etwas gesagt hatte - und das wissen wir genau, da die beiden Flüche wortwörtlich wiedergegeben wurden.

 

Oder gibt es doch eine Erklärung?

 

Wir alle schlafen, und zwar täglich. Wenn wir schlafen, bekommen wir nichts von dem mit, was um uns herum geschieht. Wir langweilen uns nicht, wir leiden auch nicht, und wir bemerken nicht, wie die Zeit vergeht. Nach dem Aufwachen können wir nur anhand der Uhr und des Kalenders feststellen, wie lange wir geschlafen haben. Für gewöhnlich sind das ein paar Stunden, es gibt aber auch Fälle, wo jemand Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre geschlafen beziehungsweise im Koma gelegen hat. Wer nach einem so langen Schlaf aufwacht, muss erschrocken feststellen, dass nichts mehr so ist wie zuvor: Die Mitmenschen haben sich weiterentwickelt und der eigene Körper ist gealtert, kurz gesagt, ihm ist Lebenszeit einfach gestohlen worden. Das ist traurig, tragisch und schlimm.

 

Im Fall von Dornröschen hätte dies bedeutet, dass sie im Körper einer einhundertfünfzehn Jahre alten Frau aufgewacht wäre, und zusätzlich, dass wohl niemand ihrer Bekannten oder Verwandten noch am Leben gewesen wäre. Aber so war es nicht. Ihre Welt, die sicherlich nicht mehr als den Hofstaat umfasst hatte, war noch genauso wie zum Zeitpunkt des Stichs an der Spindel. Ja selbst die Fliegen an der Wand waren noch die gleichen wie zuvor. Und auch sie selbst war unverändert im knackigen Körper einer Fünfzehnjährigen.

 

Wo also bitteschön ist da eine Strafe, ein Leid, eine Qual? Was ist an diesem Fluch so schlimm gewesen? Aus Dornröschens Sicht hatte sie sich gestochen, war eingeschlafen, und als sie nach einem ausgiebigen Nickerchen wieder aufwachte, war ein fescher Prinz bei ihr. Die ganze Tragik der Situati- on, die viele toten Prinzen in der Dornenhecke oder die Zeit, die ohne eine Änderung verstrich, all das hat Dornröschen nicht mitbekommen, sondern buchstäblich „verschlafen“ – genauso wie der ganze Hofstaat.

 

Nun ist aber in dieser Zeit des langen Schlafes nicht nichts geschehen. Viele Analysten interpretieren sie als eine innere Entwicklungszeit, und das finde ich sehr verständlich. Vor dem Fluch war Dornröschen wohl recht kindlich, was durch den Streifzug durch das Schloss, kaum dass die Eltern ausgegangen waren, meines Erachtens klar zu ersehen ist. Wie wohl jeder Teenager hat sie etwas erleben wollen und so aus unbekümmerter Neugierde auch die unbekannte Spindel erkundet. Nach dem Fluch war sie dagegen erwachsen, denn sie war keineswegs schockiert über den fremden Mann neben ihr, sondern vielmehr von ihm äußerst angetan. Die Originalfassung hat dies zwar noch nicht explizit dargestellt, dafür ist eine handschriftliche Einfügung gemacht worden, mit den schönen Wor- ten „sie blickten einander an“. Daraus schließe ich, dass sich während des Schlafes in Dornröschen etwas getan hat und sie für eine Beziehung wie auch für die Erwachsenenwelt im Allgemeinen bereit war.

 

Dornröschens Verbindung zu dem Prinzen ist der wohl merkwürdigste Teil des Märchens. Darauf werde ich in Teil 3 eingehen.

 

© Diana Weisheit 2014


Dornröschen aus meiner Sicht Teil 3

 

Dornröschen und die Liebe …

 

Es gibt Menschen, die daran glauben, dass es die wahre Liebe gibt, durch die zwei Menschen untrennbar verbunden sind, dass also „der „Richtige“ bezieh- ungsweise „die Richtige“ für einen Menschen existiert. Andere Menschen denken jedoch, Paarbildung entsteht durch Angebot und Nachfrage, und letztlich nimmt man eben das, was man auf dem Markt bekommt, oder anders ausgedrückt, diese Menschen denken, Partner sind austauschbar.

 

Das Märchen äußert sich darüber, welche der beiden Ansichten zutrifft, nicht wirklich. Der Prinz nimmt zwar trotz des Wissens um die Gefahren der Dornenhecke das Risiko in Kauf, doch ob die Sehnsucht nach Dornröschen ihn antreibt oder reine Abenteuerlust, wird nicht beschrieben. Als er sie dann im Turm findet, ist er von ihrer Schönheit derart in Bann geschlagen, „ …daß er sich bückte und sie küßte… .“ Nun, auch das ist nicht eindeutig auf die Liebe zurückzuführen, da es durchaus andere Gründe dafür geben kann, warum ein Mann eine schöne Frau küsst. Dennoch wäre es unter diesen Umständen naheliegender gewesen, wenn der Prinz versucht hätte, die Schöne zunächst einmal wachzurütteln. Es scheint, als sei er einem spontanen Bedürfnis seines Herzens gefolgt – und das ist schon ein Anzeichen von Liebe.

 

Aus welchem Grund Dornröschen in diesem Augenblick aufwacht, wird leider nicht erklärt, doch letztlich ist es meines Erachtens trotzdem ein weiteres Zeichen von Liebe: denn wachte sie wegen des Kusses auf, wäre der Zusammenhang eindeutig. Wachte sie jedoch nur auf, weil die hundert Jahre gerade um waren, müsste man sich fragen, was das für ein merkwürdiger Zufall gewesen wäre. In Verbindung mit der Tatsache, dass sich die Dornenhecke einzig für diesen Prinzen geöffnet, ja sich sogar hinter ihm wieder geschlossen hatte, ist dieser Zufall zu merkwürdig, um noch als Zufall durchgehen zu können.

 

Als nächstes folgte der bereits angesprochene tiefe Blick, den die beiden getauscht haben, und es erscheint, als hätten sie sich in diesem Augenblick nicht nur in die Augen, sondern bis auf den Grund ihres Herzens gesehen – was noch ein Anzeichen für die Liebe ist.

 

Schließlich heiraten die beiden recht bald, ich nehme an, es geschah aus freien Stücken und nicht aus Zwang, und sie blieben wohl auch miteinander glücklich, denn sie lebten ja bekanntlich „ …vergnügt bis an ihr Lebensende“. Und auch das ist ein Hinweis auf Liebe.

 

Aufgrund dieser Hinweise gehe ich davon aus, dass der Prinz tatsächlich „der Richtige“ für Dornrös- chen war. Und das ist richtig merkwürdig. Denn eines ist doch klar: unter normalen Umständen hätte Dornröschen höchstens noch die Geburt „ihres“ Prinzen miterleben können, und zwar als steinalte Frau – ein Paar wären sie jedoch auf keinen Fall geworden. Dies ist erst durch den Fluch möglich geworden.

 

Wenn ich mir nun alle angesprochenen Punkte ansehe, dann sehe ich in diesem Märchen keineswegs eine fantastische Geschichte mehr, sondern im Gegenteil ein sehr logisches und komplexes Konstrukt, in dem auf höchst intelligente und auch geniale Weise mehrere Themen miteinander verflochten werden. Sicherlich ist die Vorstellung eines hundertjährigen Schlafes aus biologischer beziehungs- weise medizinischer Sicht völlig utopisch, denn niemand kann ohne Nahrung länger als ein paar Wo- chen existieren. Doch diese gestalterische Freiheit, die sich das Märchen herausgenommen hat, ist meines Erachtens nicht nur erlaubt, es ermöglicht zudem eine zufriedenstellende Lösung für die ursprüngliche Ausgangsproblematik.

 

Diese Ausgangsproblematik war, wie bereits beschrieben, der Streit zwischen dem König und der dreizehnten Fee. Hätte der Fluch nun einen hundert-stündigen oder von mir aus auch einen hundert-tägigen Schlaf umfasst, wäre der Streit zwischen den beiden Kontrahenten deswegen noch lange nicht aus der Welt gewesen. Im Gegenteil möchte ich mir gar nicht ausmalen, welche Vergeltungsmaß- nahmen der König dann unternommen hätte, um sich an der dreizehnten Fee zu rächen. So jedoch war die Fee, als der König wieder aufwachte, mit Sicherheit schon längst verstorben und mit ihr auch der Streitgrund.

 

Gleichzeitig wurde die dreizehnte Fee durch diesen „Kunstgriff“ aber auch zufriedengestellt. Sie hat ihr weiteres Leben (ab dem Zeitpunkt, als der Fluch zu wirken begann, also nach 15 Jahren) vergnügt führen können, ohne von dem König in irgendeiner Weise beeinträchtigt zu werden, da dieser be- kanntermaßen auch in den Dauerschlaf gefallen war.

 

 

Vermutlich werden Sie sich nach all diesen Ausführungen fragen, die sicherlich ein wenig ungewohnt, vermutlich auch verwirrend sind, was das Märchen nun eigentlich aussagen will. Ich will es gerne versuchen zu erklären,  soweit ich es selber verstanden habe. Doch gestatten Sie mir bitte, zuvor noch in einem weiteren Kapitel näher auf den König einzugehen, der bisher in einem ziemlich schlechten Licht dargestellt worden ist.

 

© Diana Weisheit 2014


Ein König in Not

 

Bisher bin ich noch nicht auf den Anfang des Märchens eingegangen, der von dem Rest der Handlung losgelöst ist und auch recht unlogisch erscheint, weswegen man ihn schnell übersieht.  Doch damit tut man ihm meines Er- achtens unrecht, da er das Verhalten des Königs erklärt und seinen späteren Fehler mit den goldenen Teller verständlich werden lässt.

 

Um diesen Teil nachvollziehen zu können, nehmen Sie doch einfach einmal an, Sie wären der König. Ihre Aufgabe bestünde natürlich darin, Ihr Volk zu regieren, doch darüber hinaus müssten Sie auch für Nachkommenschaft sorgen, um die Erbfolge zu sichern. Dazu hätten Sie eine Frau geheiratet, die jedoch einfach nicht schwanger würde, so sehr Sie sich auch bemühten, und das seit vielen Jahren.

 

Nun käme Ihre Frau eines Tages zu Ihnen und erzählte, dass Sie im Bad, genauer gesagt in einem nahegelegenen Teich oder See, einen Frosch getroffen hätte, der ihr prophezeite, dass sie in weniger als einem Jahr ein Kind zur Welt bringen würde. Mal ehrlich, was würden Sie da denken?

 

Möglichkeit 1: Es handelte sich um einen prophetischen Frosch mit der Fähigkeit zu sprechen, der zufällig in diesem See schwamm, dabei eine Vision von Ihrer Frau hatte und diese auch gleich ganz brav Ihrer Frau mitgeteilt hat.

 

Möglichkeite 2: Ihre Frau hat einen (möglicherweise grün gekleideten) Mann im See getroffen. Dieser hat Ihrer Frau vorgemacht, ein Frosch zu sein, der eine Weissagung für sie hätte, um selber zur Tat schreiten zu können und damit die Grundlage für die Weissagung überhaupt erst zu schaffen.

 

Möglichkeit 3: Ihre Frau hat Ihnen ganz bewusst einen Bären aufgebunden (in diesem Fall vielleicht auch eher einen Frosch, ha ha), da sie mit einem Herrn Frosch ein Verhältnis hatte.

 

Wie auch immer, die Sache wäre Ihnen doch sicherlich höchst merkwürdig vorgekommen, oder?

 

Aber wie gesagt, Sie müssen unbedingt einen Erben bekommen, und Ihre Frau wird wirklich schwan- ger. Deswegen hinterfragen Sie die Sache lieber nicht genau und warten erst einmal ab, was ge- schieht. Und tatsächlich, nach neun Monaten bekommt sie ein Kind, das eindeutig ein Mensch ist, was Ihnen wenigstens die allerschlimmsten Befürchtungen bezüglich der Vaterschaft nimmt (es hätte ja auch grün und froschäugig sein können). Doch wirklich aufatmen können Sie nicht, denn es ist nur ein Mädchen (aus Ihrer Sicht als mittelalterlicher König). Und wenn das nicht schon schlimm genug wäre, so hat dieses Mädchen möglicherweise einen dahergelaufenen Scharlatan als Vater hat oder eine vollkommen naive Mutter. Doch wie auch immer, dieses Mädchen wird höchstwahrscheinlich das Königreich erben, weil es wohl Ihr einziges Kind bleiben wird.

 

Würden Sie unter diesen Umständen nicht auch wie der König im Märchen alles, wirklich alles nur Erdenkliche unternehmen, um diesem Kind die besten Möglichkeiten zu verschaffen? Und würden Sie nicht auch zugreifen, wenn Sie wüssten, dass die weisen Feen in der Lage wären, Ihrer Thronfolgerin  allerlei Gaben mit auf den Weg zu geben und damit auch eventuelle, ungünstige Zeugungsumstände auszugleichen?

 

Also ich würde das. Und ich wäre sicherlich wegen meiner Grübeleien auch ein wenig durcheinander, so dass mir der Rechenfehler mit den 12 goldenen Tellern für 13 weise Frauen durchaus unterlaufen könnte, durch den bekanntlich der ganze Schlamassel seinen Anfang genommen hat.

 

Aber das sind alles nur Spekulationen, über die das Märchen nichts weiter aussagt. Da wird nur von dem Bad der Königin, dem merkwürdigen Frosch und seiner Weissagung gesprochen, nach der die Königin in weniger als einem Jahr ein Kind bekommen würde. Es könnte also genauso gut sein, dass der König ein Egomane und ein Dummkopf ist, der über die Folgen, eine der dreizehn Feen aufs Übel- ste zu verprellen, nicht nachgedacht hat und es einfach nur "schick" gefunden hat, ein paar Feen auf die Tauffeier einzuladen - eben so viele, wie auch goldene Teller existierten. In diesem Fall wäre der König sicherlich selber schuld an allem, was darauf folgte. Aber dies ist recht unwahrscheinlich, und wie schon gesagt, es würde den gesamten Anfang unsinnig werden lassen. Daher ist davon auszu- gehen, dass sich der König in einer absoluten Notsituation wähnte, wodurch sein Verhalten nachvoll- ziehbar und menschlich wird. Und somit kann man eigentlich davon ausgehen, dass er also lediglich einen Fehler gemacht hat, der jedem in seiner Situation hätte unterlaufen können.

 

Aber wie gesagt, sein weiteres Verhalten im Anschluss an den Fluch wird dadurch nicht begründet - er ist und bleibt ein selbstherrlicher Mensch, der sich um die Belange anderer nicht weiter kümmert.

 

© Diana Weisheit


Abschließende Betrachtung

 

Für die meisten Menschen stellen Märchen den Inbegriff vom Kampf des Gu- ten gegen das Böse dar, bei dem das Gute letztlich siegt. Und genau aus die- ser Meinung heraus betrachten viele die Märchen als naiv und realitätsfern, als romantischen Versuch, sich eine heile Welt einzureden, die es in Wahrheit nicht gibt.  Damit haben sie nicht unrecht, denn es existieren viele Märchen, oder vielleicht sollte man sie besser Geschichten mit der Bezeichnung Märchen nennen, die diesen Vorwurf bestätigen. Die großen, berühmten Märchen der Grimms, wie hier am Beispiel von Dornrös- chen sichtbar wird, gehören jedoch ganz und gar nicht in diese Kategorie:

 

Da ist auf der einen Seite ein König, der einen folgenschweren Fehler begeht, welcher jedoch vermut- lich, wie ich dargelegt habe, aus einem zumindest teilweise nachvollziehbaren Grund geschieht. Auf der anderen Seite steht die dreizehnte Fee, die einen Todesfluch ausspricht, diesen auch noch gegen ein unschuldiges Kind, was zwar eine ganz üble Tat darstellt, aber man darf nicht vergessen, dass der König aus der Sicht der Fee ihr gesamtes Leben leichtfertig und scheinbar grundlos zerstört hat, wo- durch auch diese Tat in einem anderen Licht erscheint. Und davon abgesehen kann man auch nicht wirklich davon sprechen, dass die Opfer des Fluchs, Dornröschen und der Hofstaat, unter dem Fluch großen Schaden erleiden würden, da sie einfach nur einschlafen und nach dem Aufwachen weiter- machen wie bisher. Und Dornröschen bekommt sogar noch "Ihren" Prinzen hinzu, quasi als Geburts- tagsgeschenk, was ohne den Fluch aufgrund des Altersunterschieds niemals hätte geschehen können.

 

Wer also, frage ich Sie, ist hier nun der/die Gute, wer der/die Böse, und welcher Schaden bzw Leid ist überhaupt entstanden? (Sollte Sie jetzt spontan "die toten Prinzen in der Dornenhecke!" rufen, würde ich Ihnen vehement widersprechen, da diese das Wagnis aus freien Stücken, zudem ungefragt, auf sich genommen haben und somit maximal als Kollateralschaden gelten können.)

 

Nein, je länger man sich mit dieser Thematik befasst, umso unklarer wird die Angelegenheit, und letztlich kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Gut/Böse-Einteilung, die wir so gerne voll- ziehen, hier einfach nicht funktioniert. Und genau das ist meines Erachtens eine der Hauptaussagen, oder vielleicht besser eines der Anliegen dieses sehr komplexen Märchens: die Menschen zum Nachdenken zu bringen und sich die Frage zu stellen: Gibt es "Das Gute" und "Das Böse" überhaupt?

 

Welche Antwort Sie auf diese Frage finden, bleibt dabei völlig Ihre Angelegenheit, denn das Märchen beschreibt nur, anstatt zu werten, und das finde ich das Schöne an diesem wie auch allen anderen großen Märchen: sie lehren zwar, aber belehren nicht. Eine Moral in dem üblichen Sinn "Tu dies" oder "Lass jenes" verbreiten sie nicht. Das werden Sie mir vielleicht nicht glauben, weil Märchen heutzutage als Inbegriff für Moralgeschichten gehalten werden, aber ich kann Ihnen sagen, ich habe mich sehr ge- nau mit den Märchen der Grimms beschäftigt, übrigens erst dann, als schon eine Reihe meiner eige- nen Märchen existierte, und ich meine eigenen Erfahrungen mit Märchen einbringen konnte. Und ich bin selber höchst darüber erstaunt gewesen,  dass sämtliche der bekannten Grimm´schen Märchen eben keine Moralgeschichten sind, und den Märchen mit dieser Einschätzung in höchstem Maße un- recht getan wird (wie gesagt, das gilt nur für die bekannten, großen Märchen, nicht unbedingt für die unbekannten).

 

 

© Diana Weisheit