Hänsel und Gretel - Die neue Fassung

 

 Das Märchen von Hänsel und Gretel ist zwar ausgesprochen berühmt, aber dennoch sehr umstritten. Während die einen in ihm die schöne und tröstli- che Botschaft sehen, nie die Hoffnung aufzugeben, egal wie bedrohlich die Situation auch sein mag; oder den Apell erkennen, sein Schicksal in die eige-nen Hände zu nehmen; so betrachten die anderen vornehmlich die Grau- samkeiten, die dort vorkommen, und lehnen das Märchen als nicht kindgerecht und pädagogisch höchst bedenklich ab.

 

Ich kann beide Positionen nachvollziehen und muss offen zugeben, ich habe auch gezögert, meiner Tochter dieses Märchen vorzulesen. Letztlich habe ich es aber doch getan, weil ich dachte, sie würde sowieso irgendwann damit in Kontakt kommen, und dann wäre es besser, es im geschützten Rahmen auf Mamas Schoß zu tun als irgendwo anders. Und davon abgesehen hätte ich dann die Möglichkeit, im Nachhinein noch einige Dinge zu besprechen und richtig zu stellen; zum Beispiel, dass ich sie nie- mals aussetzen würde, oder dass mir die Existenz kinderfressender Hexen nicht bekannt wäre.

 

Das hat auch gut funktioniert, abgesehen davon, dass meine Tochter sich von da ab über viele Jahre weigerte, bei Spaziergängen an einer Schonung vorbeizugehen, weil dort die Bäume so dicht standen, dass man nicht hinein sehen konnte. Denn, wie sie mir erklärte, auch wenn es keine Hexen gäbe, soll- te man doch lieber auf Nummer sicher gehen (Originalton: „Und wenn doch ?). Es nutzte auch nichts, sie darauf hinzuweisen, dass sowohl ich als auch unser stattlicher Hund an ihrer Seite wären und ihr dadurch nichts geschehen könnte - sie blieb trotzdem standhaft und zwang mich immer wieder, Um- wege zu machen.

 

Das ärgerte mich ziemlich, und ich fragte mich, was die Gebrüder Grimm wohl geritten haben könnte, solch gruselige Gestalten und grausame Handlungen zu beschreiben, die die Kinder ängstigen und den Eltern das Leben schwer machen.

 

Heute jedoch sehe ich das Märchen aus einer anderen Perspektive, und zwar durch die Arbeit mit meinen eigenen Märchen, die (nebenbei ungefragt) den Weg zu mir fanden und mich zwangen, alles zu hinterfragen, was wir als selbstverständlich ansehen. In diesem Zusammenhang habe ich auch die Sammlung der Gebrüder Grimm danach untersucht, ob sich dort, genauso wie in meinen Märchen, unter den einfach aussehenden Handlungen noch tiefere Schichten befinden, die ganz andere Bot- schaften vermitteln; genauer gesagt Botschaften, die das allgemein vorherrschende Weltbild korrigie- ren wollen und können.

 

Bei Hänsel und Gretel, wie übrigens bei nahezu allen berühmten Märchen der Grimm`schen Samm- lung (das gilt für etwa ein Sechstel von ihnen, der Rest ist praktisch unbekannt), bin ich tatsächlich fündig geworden. Dies hat mich nicht nur darin bestätigt, dass Märchen eben keine Geschichten sind, ich verstehe nun auch, warum die Grausamkeiten für dieses Märchen notwendig sind, und warum die Handlung genau so richtig ist, wie sie ist. Als kindgerecht sehe ich das Märchen dadurch zwar immer noch nicht unbedingt an, allerdings darf man nicht vergessen, dass die klassischen Märchen sowieso nicht für Kinder geschrieben wurden, sondern erst mit der Zeit der Aufklärung als Kindergeschichten entdeckt oder besser gesagt „umfunktioniert“ wurden. Das gilt besonders für die Grimm`schen Mär- chen. Wie Sie vielleicht wissen, haben die Gebrüder Grimm keines ihrer Märchen selber verfasst, son- dern nur das gesammelt und literarisch aufgewertet, was ihnen zugetragen wurde - die Märchen sel- ber sind viel älter, als die Veröffentlichung der Sammlung im 19. Jh. vermuten lässt.

 

Jedoch sind sie, oder zumindest die meisten von ihnen, erst nach der Christianisierung entstanden, oder wurden durch den christlichen Glauben nochmals angepasst. Dies ist für „Hänsel und Gretel“ dahingehend wichtig, weil die tiefere Botschaft, die ich in diesem Märchen gefunden habe, unter an- derem in einem Frontalangriff auf die Kirche der damaligen Zeit und deren Doktrin besteht. Das wür- de auch erklären, warum diese Botschaft nicht deutlich zu Tage tritt, sondern innerhalb des Märchens versteckt wurde, denn die „unfehlbare“ und „allmächtige“ Kirche anzugreifen, war schon ein äußerst gewagtes Unterfangen.

 

Um zu erklären, worum es sich bei der Kritik an der Kirche genau handelt, muss ich jedoch zunächst ein wenig ausholen: Das Christentum ist bekanntlich aus dem Judentum hervorgegangen. Jesus wuchs als Jude auf, lehrte Juden und stritt sich häufig mit den jüdischen Gelehrten über jüdische Religionsfra- gen. So gesehen ist es nur verständlich, dass das Christentum die jüdischen religiösen Schriften (mit geringfügigen Änderungen) als das „Alte Testament“ in die Bibel aufgenommen hat, zumal viele der uns überlieferten Aussagen von Jesus auf die jüdischen Schriften Bezug nehmen.

 

Im Alten Testament finden sich neben vielen sehr bekannten Geschichten auch 613 (!) Gebote - darun- ter die berühmten Zehn Gebote in verschiedenen Versionen und das Nächstenliebe-Gebot (z.B. im 3. Buch Moses 19,18, denn nein, das Nächstenliebe-Gebot stammt nicht von Jesus). Wohl aufgrund der hohen Zahl an Geboten entbrannte unter den Juden eine heiße Diskussion darüber, welches das wich- tigste Gebot sei. Diese Frage hat dann auch ein Schriftgelehrter an Jesus gerichtet. So wird es im Neuen Testament beschrieben, und zwar gleich in drei der vier biblischen Evangelien: Markus (Mk 12, 28-34), Matthäus (Mt 22,34-40) und Lukas (Lk 10,25-28). Die Antwort von Jesus ist in diesen drei Evan- gelien zwar unterschiedlich, da er nicht immer aktiv antwortet, sondern auch einmal die Frage an den Schriftgelehrten zurückgibt. Dennoch wird deutlich, dass Jesus zwei Gebote aus dem Alten Testament (damals „Das Gesetz und die Propheten“ genannt) als wichtigste Gebote angesehen hat, und zwar das Gottesliebe-Gebot und das Nächstenliebe-Gebot. Im Matthäus-Evangelium fügt er noch einen bedeu- tenden Satz hinzu, indem er sagt: „In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefasst, was das Ge- setz und die Propheten (also das Alte Testament) fordern.“.

 

Soweit die Hintergrundinformationen, über die Sie sich vermutlich wundern, denn was soll es für ei- nen Zusammenhang zwischen den Geboten der Bibel, ob nun aus dem Alten oder Neuen Testament, und dem Märchen von Hänsel und Gretel geben - immerhin handelt das Märchen doch von etwas ganz anderem, nämlich zwei unschuldigen Kindern, die erst von den eigenen Eltern zweimal im Wald ausgesetzt und anschließend auch noch von einer kinderfressenden Hexe gefangen werden. Die Sa- che ist nur die: die Kinder sind nicht unschuldig - nicht nach der Doktrin der Kirche von damals. Die Kirche hatte die von Jesus angesprochenen beiden Gebote zwar nicht vergessen, aber doch die Zehn Gebote aus dem Alten Testament in den Vordergrund gehoben. Zudem machte sie deutlich, dass je- der Bruch dieser Zehn Gebote unweigerlich zum ewigen Schmoren in der Hölle führen würde - Aus- nahmeregelungen, z.B. für Notsituationen waren dabei nicht vorgesehen.

 

Wenn man sich aber nun den Text von "Hänsel und Gretel" ansieht, muss man mit Erschrecken fest- stellen, dass die beiden Kinder eine Vielzahl dieser Zehn Gebote brechen, manche von ihnen sogar vorsätzlich und wiederholt:

 

So lügen sie (8. Gebot): Hänsel lügt, als er zweimal behauptet, er würde nur nach der Katze bezieh- ungsweise dem Täubchen sehen, als Begründung für sein Trödeln auf dem Weg durch den Wald, ob- wohl er in Wahrheit nur die Kieselsteine/die Brotkrumen unbemerkt ausstreuen will. Hänsel und Gre- tel lügen beide, als sie auf die Frage der Hexe, wer denn an ihrem Häuschen knuspern würde, antwor-ten, es sei der Wind, das Himmlische Kind, mit dem Ziel, von sich selbst abzulenken. Dazu hintergeht Hänsel die Hexe, als er ihr einen Knochen anstatt seines Fingers hinstreckt. Und auch Gretel belügt die Hexe, indem sie vorgibt, nicht zu wissen, wie man in den Ofen kommt.

 

Sie stehlen (7. Gebot): Das tun sie gemeinsam, als sie sich über das Knusperhäuschen hermachen. Sie hören auch nicht damit auf, nachdem sich die Hexe bereits bemerkbar gemacht hat, sondern „ …aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen." Außerdem stecken sie sich nach dem Tod der Hexe die Ta- schen voll mit Edelsteinen, die sie in der Hütte der Hexe gefunden haben.

 

Sie ehren Vater und Mutter nicht (4. Gebot): Heutzutage ist dieses Gebot zwar nicht mehr so relevant, aber in früheren Zeiten hat es bedeutet, dem Willen der Eltern bedingungslos zu folgen. Hänsel bricht dieses Gebot ganz bewusst, als er die Eltern belauscht und sich aus dem Haus schleicht, um Kieselstei-ne zu sammeln - denn er will den Weg zurückfinden und seine Eltern zwingen, ihn und seine Schwes-ter wieder aufzunehmen. Zusätzlich ehrt Hänsel seinen Vater vorsätzlich nicht, indem er ihn bezüglich des Trödelns auf dem Weg in den Wald täuscht (s. 8. Gebot).

 

Und als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, töten sie auch noch (5. Gebot), denn Gretel stößt be-kanntermaßen die Hexe mit Absicht in den Ofen und verschließt zusätzlich die Ofentür, damit die He-xe auch wirklich nicht wieder herauskommen kann. Wenn man bedenkt, dass die Hexe ihr Vorhaben, außer Hänsel auch noch Gretel zu töten, nicht laut ausgesprochen hat, und Gretel ihre Tat damit le-diglich aufgrund einer Vermutung ausführt, müsste man dies, objektiv gesehen, nicht nur als Tötungs-delikt, sondern sogar als Mord ansehen - zumal Gretel hinterher keinerlei Reue zeigt, sondern sich so-gar noch über ihre Tat freut. (Auch Hänsel freut sich über Gretels Tat, und hätte er die Möglichkeit ge-habt, hätte er die Hexe mit Sicherheit auch umgebracht, und zwar garantiert ohne zu zögern und oh-ne Gewissensbisse.)

 

Die restlichen der Zehn Gebote aus dem Alten Testament brechen die Kinder zwar nicht, aber diese sind nicht wirklich thematisiert worden, so das 6. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ (als Kinder sind sie nicht verheiratet), oder das 3. Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“ (über Wochentage wird im Märchen nichts ausgesagt). Und was das 9. und das 10. Gebot, nach dem man seines Nächsten Haus, Weib, Knecht und allem, was sein ist, nicht begehren darf, kann man nichts Genaues sagen, denn ob sie begehrlich am Hexenhäuschen geknuspert oder die Edelsteine begehrt haben, wird nicht deutlich.

 

Wie auch immer, die Liste an gebrochenen Geboten ist erschreckend lang. Sicher, die Kinder haben das nicht leichtfertig getan, und heute würde man dies als Notlügen, Mundraub, Bagatelldelikte und Notwehr gesetzlich anerkennen. Aber wie gesagt, die Kirche in früherer Zeit, also vor der Epoche der Aufklärung, hat dies ganz anders gesehen.

 

Diese Sichtweise der Kirche prangert das Märchen eindeutig an, indem es einen sehr berührenden Fall auf eine Weise schildert, bei der man gar nicht anders kann, als mit den Kindern zu fühlen, unge-achtet des Stehlens, Lügens und Ungehorsams, ja man freut sich sogar unwillkürlich über eine Tötung beziehungsweise Mord.

 

Nun denke ich jedoch nicht, dass die Botschaft des Märchens lautet, man solle auf die Zehn Gebote pfeifen und sie nach Lust und Laune brechen. Darum geht es hier auch gar nicht. Aber ich erkenne in dem Märchen einen ganz klaren Appell dahingehend, die beiden von Jesus geforderten Gebote in den Vordergrund zu stellen: das Gottesliebe-Gebot und das Nächstenliebe-Gebot. Richtet man nämlich seinen Fokus einmal nicht auf die mitreißend geschilderten Ereignisse, kann man erkennen, dass die-se beiden Gebote das eigentliche tragende Element des Märchens sind und sich wie ein roter Faden vom Anfang bis zum Ende durchziehen. Das wird Ihnen sicher merkwürdig vorkommen, weil man Märchen selten mit religiösen Themen in Verbindung bringt, und weil in dem Text nicht direkt die Re-de von Geboten ist. Aber so sind Märchen eben - sie sprechen nicht von den Dingen, sondern zeigen sie. Es hätte ja auch gar nichts gebracht, wenn Hänsel voller Inbrunst ausgerufen hätte: „Ich liebe mei-ne Nächsten, und ich liebe Gott!“ und Gretel darauf: „Oh ja, ich auch, ich auch!“, denn das wären ledig-lich Lippenbekenntnisse ohne Inhalt gewesen. Im Gegensatz zu den Zehn Geboten des Alten Testa-ments geht es bei diesen beiden Geboten hier auch nicht um Taten, sondern um eine innere Haltung - man mag sie vielleicht durch Taten erkennen, allerdings ist dies nicht zwingend. Nicht zu töten, steh-len, lügen usw., das versteht jeder (zumindest theoretisch), und das kann man auch umsetzen, aber was bedeutet es denn eigentlich, Gott beziehungsweise seinen Nächsten zu lieben?

 

Genau diese Fragen beantwortet das Märchen tatsächlich, indem es angewandte Gottes- und Nächs-tenliebe beschreibt, und das möchte ich Ihnen nun zeigen, wobei ich der Einfachheit halber mit dem Nächstenliebe-Gebot beginnen werde.

 

Das Nächstenliebe-Gebot

 

Will man Nächstenliebe beschreiben, kommt man nicht umhin, eine Antwort auf zwei Fragen zu ge-ben, erstens: wer ist eigentlich mein Nächster und zweitens: gilt es, jeden gleichermaßen zu lieben, oder gibt es dabei Abstufungen? Die Antworten des Märchens darauf sind recht interessant, teils sogar ungewöhnlich:

 

Da wird zunächst einmal die Liebe zwischen den beiden Kindern beschrieben. Dass Hänsel die Gretel liebt, und die Gretel ihrerseits den Hänsel, jeder also quasi seinen „Allernächsten“, bedarf sicherlich keiner weiteren Erläuterungen. Die beiden sind wie die Hälften eines Ganzen; sie sorgen sich um das Wohlergehen des anderen und stehen bedingungslos für ihn ein. Beispiele dafür gibt es zuhauf. So nutzt der ältere Hänsel die Möglichkeit, das Haus zu verlassen, nicht dazu, sich aus dem Staub zu ma-chen und in der Welt sein Glück zu finden, sondern sucht lediglich nach Kieselsteinen, um auch seine kleine Schwester zu retten. Dazu tröstet er Gretel immer wieder, wenn sie (berechtigterweise) Angst hat. Er streut später auch ohne zu zögern sein einziges Stück Brot aus, in der Hoffnung, das Brot könnte wie die Kieselsteine den Weg markieren. Und schließlich steht es für ihn nach der Episode mit der Hexe außer Frage, mit seiner Schwester gemeinsam den Heimweg anzutreten. Gretel hingegen vertraut ihrem Bruder blind, teilt aus freien Stücken ihrerseits ihr kleines Stück Brot mit ihm, und letztlich begeht sie sogar für Hänsel das wohl schlimmste Verbrechen: sie tötet (die Hexe).

 

Dass diese Taten nicht etwa aufgrund von Pflichtgefühl oder Erziehung erfolgen, sondern vielmehr Ausdruck von inniger Zuneigung sind, wird durch ein Zitat von Gretel besonders berührend ausge-drückt. In der Szene nämlich, in der sie makabrer Weise das Wasser tragen muss, in dem Hänsel gekocht werden soll, sagt sie unter Tränen: „…hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben.“ Noch deutlicher, noch besser kann man Nächstenliebe wohl nicht beschreiben.

 

Nebenbei: die Schilderung des Umgangs der beiden Kinder miteinander macht dieses Märchen sogar pädagogisch ausgesprochen wertvoll. Man kann Kindern hier sehr eindrücklich vermitteln, wie schön und wichtig es ist, liebevoll miteinander umzugehen. (Ach, hätte ich das nur schon gewusst, als meine Tochter klein war.)

 

Die Nächstenliebe der beiden, und jetzt wird es spannend, umfasst aber nicht nur diese „Allernächs-ten-Liebe“. Dies zeigt sich daran, dass die Kinder nach ihrer Befreiung von der Hexe zu ihren Eltern zurückkehren, was zunächst einmal unverständlich ist. Bis zur Ankunft Zuhause wissen sie nämlich weder, dass die Mutter zwischenzeitlich verstorben ist, noch, dass der Vater seine Tat zutiefst bereut. Mit den vielen Edelsteinen in ihren Taschen wären sie in der Lage, sich überall ein schönes Leben auf-zubauen. Warum also, stellt sich die Frage, laufen sie dann geradewegs wieder zu den Menschen, die sie zweimal im Wald zum Sterben ausgesetzt haben und belohnen diese damit quasi für ihre schänd-liche Tat?

 

Nun ist dieses Verhalten der Kinder jedoch nur so lange unverständlich, bis man ein anderes, sehr be-kanntes Zitat von Jesus zu diesem Thema hinzuzieht, in dem er fordert, seine Feinde zu lieben und für die zu beten, die einen verfolgen (Mt 5,44). Genau das tun die Kinder mit diesem versöhnlichen Ende: sie demonstrieren das Feindesliebe-Gebot als Teil des Nächstenliebe-Gebotes.

 

Allerdings hat diese „Feindesliebe“ laut Märchen aber auch ihre Grenzen. Die Hexe, die eindeutig auch zu den Feinden zählt, gehört nach Ansicht des Märchens nicht zu dem Kreis, den man lieben soll oder muss - andernfalls wäre deren Tötung nicht so positiv beschrieben worden.

 

Dafür wird im Märchen die Nächstenliebe aber noch in einem ganz anderen, höchst ungewöhnlichen Bereich geschildert. Man findet dies in der eigenartig konstruierten Begegnung mit der Ente, die den Kindern bei der Heimkehr auf Bitten Gretels über das große Wasser hilft. Für gewöhnlich wird die net-te Geste der Ente als Hilfe Gottes betrachtet, und möglicherweise ist das auch völlig korrekt, zumal es sich um eine weiße Ente handelt, und die Farbe Weiß in klassischen Märchen regelmäßig als Symbol für Reinheit sowie als Zeichen Gottes dient. Hier jedoch, so denke ich, will das Märchen zusätzlich noch einen weiteren Hinweis auf das Nächstenliebe-Gebot geben - genauer gesagt regt es an, auch die Tierliebe in dieses Gebot mit einzubeziehen, was in der Bibel meines Wissens nirgendwo gefordert wird. Es ist nämlich so, dass Hänsel, der Pragmatische der beiden, in der Ente lediglich eine „Mitfahr-gelegenheit“ für sich und seine Schwester sieht, die man bedenkenlos benutzen darf. Doch die seit der Begegnung mit der Hexe recht selbstbewusst gewordene Gretel korrigiert Hänsels und damit gleichzeitig die allgemein vorherrschende Sichtweise. Denn obwohl Gretel eigentlich unbedingt mit Hänsel zusammen sein will, stellt sie das Wohlergehen der Ente über ihre eigenen Bedürfnisse. Wört-lich sagt sie: „Nein, es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüber bringen.“ Wie gesagt, man kann diesen recht versteckten Hinweis auch lediglich als Zeichen dafür sehen, dass Gott die Kinder begleitet - aber wenn meine Vermutung zutrifft und hier die Tierliebe als Bestandteil der Nächstenliebe gefordert wird, hätte es sich in früheren Zeiten um eine Ungeheuerlichkeit gehandelt und wäre selbst heute noch ein höchst brisantes Thema, denn der Gedanke, Tiere könnten unsere Nächsten sein, erscheint den meisten Menschen nach wie vor völlig abwegig.

 

Das Gottesliebe-Gebot

 

Auch wenn es keine klare Definition von Gottesliebe gibt, da Liebe etwas Innerliches ist und somit, wie schon angesprochen, auch nicht wirklich durch Taten in Erscheinung tritt oder treten muss, wird in diesem Zusammenhang immer wieder von Gottvertrauen gesprochen - Vertrauen auf ein gutes Ende und darauf, dass man beschützt und behütet wird.  Passende Bibelstellen gibt es dazu auch, zum Bei-spiel von Jesus (Mt 21, 21), nach dem man mit genügend Gottvertrauen selbst Berge zu versetzen ver-mag; oder den berühmten Psalm 23 (Vers 4) aus dem Alten Testament: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.“

 

Diese Vorstellung von Gottvertrauen wird auch im Märchen dargestellt und von Hänsel repräsentiert. Das kann man sehr gut in den wörtlichen Aussagen erkennen, wie Sie gleich sehen werden. Dadurch wird nebenbei auch deutlich, dass ich die Bezüge zur Bibel beziehungsweise dem Christentum nicht in das Märchen „hineininterpretiere“, sondern dass sie tatsächlich existieren, denn die Kinder selbst sind es, die immer wieder von Gott (oder auch zu Gott selbst) sprechen. Vom Himmel ist auch einmal die Rede; und bei der Sache mit dem Ofen, in dem Gretel verbrennen soll und die Hexe es dann letztlich tut, drängt sich, zumindest für mich, eine Parallele mit der christlichen Vorstellung von der Hölle gera-dezu auf.

 

Doch zurück zur Darstellung von Gottvertrauen. Dies zeigt sich bereits in der Anfangsszene, als die Kinder die Eltern belauschen, die sie wegen der Hungersnot aussetzen wollen. Hänsel ist hier trotz der schrecklichen Lage voll bewundernswertem Vertrauen, sowohl in sich selbst als auch in Gott. Als Gre-tel verständlicherweise in Panik ausbricht und ausruft: „Nun ist`s um uns geschehen.“, bleibt Hänsel ganz ruhig und sagt: “Gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.“ Daraufhin schleicht er sich nach draußen und holt Kieselsteine. Wieder zurück spricht er sein Gottvertrauen deutlich aus: “Sei getrost, liebes Schwesterchen und schlaf nur ruhig ein, Gott (!) wird uns nicht verlassen.“

 

Dieses Vertrauen behält er auch im nächtlichen Wald. Während Gretel es wieder mit der Angst zu tun bekommt: “Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“, antwortet er: “Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und tatsächlich ist der Himmel wol-kenlos, so dass der Mond scheint, und die Kinder den Weg anhand der leuchtenden Kieselsteine zu-rückfinden. Sie werden von den Eltern wieder aufgenommen - und irgendwie kommt die Familie von da ab auch trotz der Hungersnot zurecht. Die Botschaft dahinter scheint eindeutig zu sein: Mit genü-gend Vertrauen, in Gott wie in sich selbst, kann man tatsächlich Berge versetzen beziehungsweise ei-ne ausweglose Situation meistern.  

 

Wie wir jedoch wissen, ist der Erfolg nicht von Dauer - die nächste Hungersnot kommt und damit auch der erneute Plan der Eltern, die Kinder auszusetzen. Und dieses Mal vermag Hänsel wegen der verrie-gelten Tür keine Kieselsteine zu sammeln. Trotzdem verzagt er nicht und bleibt voller Vertrauen. Er sagt wörtlich: “Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott (!) wird uns schon helfen.“ Spä-ter im Wald, in dem sie herumirren, weil die Vögel die statt der Kieselsteine ausgestreuten Brotkru-men aufgefressen haben, meint er zuversichtlich: “Wir werden den Weg schon finden.“

 

Dies scheint am dritten Tag im Wald, nach langem Herumirren, Hunger und Durst auch wirklich zu geschehen. Zwar finden sie nicht den Weg nach Hause, aber sie erhalten ein göttliches Zeichen. Ab der Fassung von 1843 heißt es nämlich: „Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes (!) Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie giengen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte …“. Dieses Haus, aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt, beherbergt eine steinalte Frau, die den Kindern trotz ihres Diebstahls Unterschlupf gewährt, sie lecker bewirtet und ihnen darüber hinaus auch noch Betten mit weißen (!) Bettlaken zur Verfügung stellt. Für Hänsel und Gretel muss dies bedeutet haben, dass sie dank Gottes Hilfe ein viel besseres Zuhause gefunden haben, denn wie weiter zu lesen ist: „… als sie sich hinein legten, meinten sie, sie wären im Himmel“.

 

Am nächsten Tag jedoch kommt das böse Erwachen: Die alte Frau entpuppt sich als Hexe, die Hänsel einsperrt und das kleine Gretelchen knechtet. Sie macht eindeutig klar, dass sie Hänsel erst mästen, dann töten und aufessen will. Was sie dagegen mit Gretel vorhat, sagt sie nicht. Hänsel versucht, die Hexe bezüglich seines Mästungsgrades zu täuschen, indem er ihr regelmäßig einen Knochen statt sei-nes Fingers hinstreckt - allerdings nicht als Fluchtplan, sondern lediglich als Versuch, das Unvermeid-liche, also seine Tötung, so lange wie möglich aufzuschieben. Und auch, wenn er beim Einsperren ge-schrien hat, so hat er doch von da ab nichts mehr zu sagen - kein Trost für Gretel, kein Gottvertrauen - denn er hat nicht nur alle Hoffnung verloren, sondern ist zudem tief enttäuscht von Gott.  Und das ist nur völlig verständlich. Hänsel hat das Gottesliebe-Gebot nach der üblichen Vorstellung vorbildhaft erfüllt, indem er unerschütterliches Gottvertrauen bewiesen hat und sich zudem von Gott (in Gestalt des weißen Vogels) hat leiten lassen - aber das brachte ihn nicht zum Erfolg, sondern direkt hinein ins Verderben.

 

Dieser Punkt im Märchen ist höchst problematisch. Dazu müssen Sie wissen, dass Märchen keine Ge-schichten sind, auch keine Sagen oder Ähnliches. Sie berichten nicht einfach von irgendwelchen Be-gebenheiten, sondern beschreiben die Gesetze des Universums und erklären sie auf einfache sowie unaufdringliche Weise. Das mag nicht für alle Texte gelten, die sich Märchen nennen, aber doch für all jene, die diesen Namen verdient haben.

 

Doch was mag das Gesetz beziehungsweise die Botschaft hier sein: Existiert Gott nicht? Ist Gott ein mieser Betrüger und Jesus ein Lügner (siehe: Berge versetzen durch Gottvertrauen)? Oder bedeutet es vielmehr, dass Gottvertrauen nicht das einzige Kriterium darstellt, das es für die Gottesliebe zu erfüllen gilt?

 

Wie Sie sich denken können, wird tatsächlich ein weiteres Kriterium vorgestellt, denn das Märchen ist ja noch lange nicht aus, sondern kommt nach einer dramatischen Wende zu einem sehr guten Ende. Dieses Kriterium wird von Gretel erfüllt. Sie, die sich bisher noch nicht besonders hervorgetan und auch kein nennenswertes Gottvertrauen bewiesen hat, wendet sich direkt an Gott und spricht zu ihm. In der Fassung von 1857 sagt sie wörtlich: “Lieber Gott, hilf uns doch.“ Damit tut sie das, was nicht so häufig im Zusammenhang mit dem Gottesliebe-Gebot genannt wird wie das Vertrauen, wofür Jesus jedoch in der Bergpredigt (Mt 7, 7) ein ganz klares Versprechen mit den berühmten Worten gegeben hat. „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

 

Und nun wird die Sache höchst kompliziert. Gretel hat angeklopft, hat gebeten, doch was geschieht? Wird die Hexe vom Blitz getroffen, erscheint plötzlich ein Eisbär (wegen der Fellfarbe), der sie umhaut, oder gibt es irgendein anderes Eingreifen von außen beziehungsweise von oben? Nein, nichts derglei-chen. Im Gegenteil, die Hexe holt zu ihrem großen Schlag aus. Sie fordert Gretel auf, in den Ofen zu kriechen, angeblich, um die Temperatur dort zu messen. In Wahrheit jedoch sieht sie hierin einen ein-fachen und eleganten Weg, Gretel zu braten, ohne sie vorher persönlich töten und anschließend auch noch in den Ofen heben zu müssen. Und auch wenn es makaber ist, so erinnert dieses Bestreben der Hexe aus ihrer Sicht an die Vorstellung des Paradieses, in dem ja angeblich die gebratenen Täubchen (hier Gretelchens) einem, also der Hexe, wenn schon nicht in den Mund fliegen, so zumindest von alleine in den Ofen springen.

 

Dass es letztlich nicht zu diesem hinterhältigen und grauseligen Mord kommt, ist anscheinend nur dem mutigen Verhalten Gretels zu verdanken. So steht in der Fassung von 1857: „Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte…“. Deswegen dreht sie den Spieß um, indem sie sich dumm stellt und die Hexe auffordert, ihr vorzumachen, wie man in den Ofen kommt - was die Hexe auch tut. Und so bedarf es nur noch eines kleinen Stoßes, damit die Hexe ihrerseits im Ofen landet und verbrennt.

 

Na, das ist aber eigenartig! Warum erbittet Gretel erst Gottes Hilfe, wenn sie dann doch selbst zur Tat schreitet? Und außerdem: woher kommt diese spontane, grundsätzliche Wesensänderung - vom bra-ven, kleinen Mädchen zur durchtriebenen, kaltblütigen Amazone? Denn es ist ja nicht nur so, dass Gretel die böse Absicht der Hexe erkennt, sie ersinnt auch im Nullkommanix einen raffinierten Gegen-plan und setzt diesen dann auch noch ohne Skrupel in die Tat um. Gleichzeitig, und das ist noch ei-genartiger, ändert sich dadurch die Aussage des Märchens grundlegend. Sie lautet nun: Gottesliebe ist sinnlos, und Jesus ist ein Lügner - Gottvertrauen (Hänsel) ist nicht in der Lage, Berge zu versetzen, sondern führt ins Verderben; und das Hinwenden zu Gott (Gretel) kann man sich sparen, weil eben doch nichts gegeben, gefunden oder geöffnet wird. Kurzum, wer sich nicht selber hilft, der ist verlo-ren. Gott ist entweder ein mieser Verräter, oder er existiert einfach nicht.

 

Sollten Sie ein überzeugter Atheist sein, werden Sie diese Aussage vermutlich als Bestätigung für Ihre Ansicht betrachten, dass alles rund um den christlichen Glauben sowieso ausgemachter Mumpitz ist. Und vielleicht haben Sie mit dieser Ansicht auch recht, denn niemand kann sich im Hinblick auf Gott und seine Existenz völlig sicher sein - Glauben und Wissen sind nicht ohne Grund zwei ganz verschie-dene Begriffe. Es ist nur so: Diese Aussage kann nicht die Botschaft des Märchens sein. Zum einen ist das Märchen zu einer Zeit entstanden, als der Glaube noch außer Frage stand. Zum Zweiten würde dann der gesamte Aufbau des Märchens in sich zusammenfallen und keinen Sinn ergeben. Und zum Dritten kann ich sogar beweisen, dass die eigentliche Aussage des Märchens bewusst verfälscht wor-den ist.

 

Dazu muss man wissen, dass die Gebrüder Grimm ihren ersten Band mit 80 Märchen, darunter auch „Hänsel und Gretel“, Ende 1812 veröffentlicht haben. Leider verkaufte sich dieser Band jedoch gar nicht gut, und es hagelte Kritik von den Käufern, also den Eltern. Aus diesem Grund haben die Grimms den Band noch einmal überarbeitet und 1819 die zweite Fassung veröffentlicht, doch erneut ohne Er-folg. Erst ein Sammelband der schönsten Märchen von Band 1 und Band 2 brachte ab 1830 den gro-ßen Durchbruch. Trotzdem feilten die Grimms noch weiter an den Märchen, und von Auflage zu Auf-lage (1837, 1840, 1843, 1850, 1857) veränderten sie die von ihren Zuträgern gesammelten Märchen auch noch weiterhin, meistens aufgrund der anhaltenden Kritik der Käufer an angeblich anstößigen Passagen. Auch „Hänsel und Gretel“ wurde immer wieder verändert, und zwar in jeder einzelnen der genannten Ausgaben. Dabei ging es nicht nur um einen besseren Ausdruck, sondern auch um den Inhalt. So wurde 1843 zum Beispiel aus der Mutter die Stiefmutter; oder die Entenszene 1819 erst-malig eingefügt und später noch weiter ausgebaut; oder die Szene, in der die Kinder dem weißen Vo-gel bis zum Hexenhaus folgen, erst 1843 hinzugenommen.

 

Auch diese besagte Schlüsselszene am Ofen wurde bis einschließlich der Fassung von 1840 immer wieder umgeschrieben. Es handelt sich dabei nur um wenige Worte, aber sie ändern eigentlich alles. Denn da hieß es nicht: „Aber Gret(h)el merkte, was sie im Sinn hatte und sprach…“, sondern:

 

1837: „Gott gab es aber dem Mädchen in den Sinn, daß es sprach…“

1819: „Gott gab es aber dem Mädchen ein, daß es sprach…“

1812: „Gott gab es aber Gretel ein und sie sagte:“

 

Haben Sie es bemerkt? Nicht Gretel ist hier der eigentliche Akteur dieser Szene, sondern Gott selbst. Also hat Gott doch auf Gretels Bitte reagiert und etwas getan; und das Versprechen von Jesus mit dem Bitten und Geben ist auch erfüllt worden. Die Hilfe ist lediglich nicht durch äußere Maßnahmen, son-dern innerlich erfolgt. Denn auch, wenn Gretel aktiv wird, so tut sie es nur aufgrund der direkten Ein-gebung Gottes sowie auf Gottes Geheiß hin.

 

Dass die Leser (Eltern) diese Passage aufs heftigste kritisiert haben werden, versteht sich von selbst. Die Vorstellung, dass Gott Gretel zu dem Mord an der Hexe veranlasst hat, denn nichts anderes wird ja dadurch beschrieben, ist geradezu unerhört. Sollte Gott tatsächlich Menschen dazu bringen, seine eigenen Gebote aus dem Alten Testament zu brechen (hier das Fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“)? Das kann, das darf einfach nicht sein, oder?

 

So gesehen ist es mehr als verständlich, wenn sich die Grimms dem Druck der Leserschaft gebeugt haben. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass sie diese massive Änderung aus eigenem Antrieb vorgenommen haben, genauer gesagt in dem guten Glauben, einen grundsätzlichen Fehler in dem Märchen auszumerzen. Das jedoch bezweifle ich, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens kannte (und das gilt vermutlich bis heute) niemand dieses Märchen so gut wie die Gebrüder Grimm, da sie es nachweislich wieder und wieder überarbeitet und sich dabei jedes Mal aufs Neue ihre Gedanken da-rüber gemacht haben. Warum also sollte ihnen dieser vermeintliche Fehler erst nach vielen Überar-beitungen und etwa 30 Jahren der Veröffentlichung aufgefallen sein? Zweitens ist auch die geänderte Formulierung ab 1843 „Aber Gretel merkte…“ bei genauem Hinsehen recht vage. Wer oder was bringt denn Gretel dazu, die bösen Absichten der Hexe zu „merken“? Den wortgewandten Grimms wäre es ein Leichtes gewesen, klarzustellen, dass nur Gretel allein die Verantwortliche ist. Das haben sie je-doch nicht getan, und zwar, wie ich denke, ganz bewusst - um einerseits die Kritiker befriedigen zu können, ohne dabei andererseits die eigentliche Aussage des Märchens wirklich zerstören zu müssen.

 

Dies würde auch, drittens und schlussendlich, den merkwürdigen Zusatz erklären, den die Gebrüder Grimm in ihrer allerletzten Überarbeitung 1857 dem Märchen hinzugefügt haben. Dort steht wörtlich, und nebenbei völlig zusammenhangslos: „Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen.“ Üblicherweise wird dieser Zusatz, wenn er überhaupt beachtet wird, als Mittel angesehen, um den Leser nach den Grausamkeiten des Märchens wieder in die Realität zurückzubringen. Das erscheint mir jedoch wenig plausibel, da die Schlussszene des Märchens alles andere als grausam ist. Vielmehr ist es die Beschreibung einer wunderschönen Heimkehr ins Elternhaus, mit sich umarmenden und glücklichen Menschen sowie einer Unmenge von Perlen und Edelsteinen. Wozu also sollte es nötig sein, den Leser aus dieser Szene wieder herauszu-reißen, anstatt ihnen dieses fröhliche Bild des Happy Ends im Kopf zu lassen? Das ergibt doch gar keinen Sinn! Ja mehr noch, bei genauerer Betrachtung ergibt dieser ganze Zusatz keinen Sinn. Wissen Sie, wie groß das Fell einer Maus ist? Um sich eine große, große (man beachte die Wortwiederholung als stilistisches Mittel der Verstärkung) Pelzkappe zu machen, braucht man nicht eine, sondern min-destens 10 Mäuse, oder besser ein Tier von der Größe eines Fuchses. Kurzum: hier stimmt etwas nicht! Was also mag die Grimms veranlasst haben, einen solchen ausgemachten Blödsinn anzufügen, der übrigens (ich habe es nachgeprüft) einzigartig in ihrer Sammlung ist?

 

Meines Erachtens gibt es dafür nur eine Erklärung: Sie haben durchaus die Botschaft des Märchens erkannt, sind aber zu dem Schluss gekommen sein, dass die Menschen ihrer Zeit noch nicht bereit ge-wesen sind, die sich daraus ergebenden Erkenntnisse auch aufzunehmen. Deshalb haben sie diesen Zusatz mit seiner eindeutigen Unlogik als Stolperstein eingebaut, in der Hoffnung, eines Tages, wenn die Zeit dafür reif sein würde, würden die Leser dadurch stutzig werden, und, ähnlich wie Hänsel mit den Kieselsteinen, der Spur folgen, die zu der tieferen Botschaft des Märchens führt.

 

Doch was genau, werden Sie sich vermutlich fragen, ist denn nun die tiefere Botschaft des Märchens? Nun, eine klare Antwort kann ich Ihnen darauf auch nicht geben - nicht, weil ich es nicht wollte, son-dern weil ich die Komplexität und Dimension der Botschaft auch nicht ganz überblicken kann. Da ist zunächst einmal, wie ich bereit geschrieben habe, der Appell, die von Jesus genannten Gebote in den Vordergrund zu stellen - ja überhaupt mal vorbehaltlos zu studieren, was Jesus so alles gesagt hat. Ich habe dies getan und die Bibel gelesen, allerdings nicht aus religiösen Gründen, sondern weil mich die Arbeit mit meinen Märchen dazu gebracht hat. Und so, wie ich das sehe, unterscheidet sich doch viel-es von dem, was Jesus gelehrt hat, deutlich von den Vorstellungen des Christentums. Ich würde mich daher nicht wundern, wenn so einiges neu bewertet werden würde, sollten viele Menschen dem Appell des Märchens folgen.

 

Als nächstes liefert das Märchen als tiefere Botschaft eine Definition von Nächsten- und Gottesliebe. Ob es mit dieser Definition recht hat oder nicht, ist nicht wichtig. Märchen haben nicht die Aufgabe, recht zu haben, sondern die Leser anzuregen, das eigene Weltbild zu überprüfen und gegebenenfalls zu erweitern oder zu korrigieren. Allerdings, und das ist auch das Besondere an ihnen, tun sie dies ganz unverbindlich und ohne jegliche Belehrung. Ihr Anliegen besteht nicht darin, die Leser zu bevor-munden, indem sie ihnen vorschreiben, was richtig oder falsch ist beziehungsweise zu sein hat, son-dern sie „mündig“ zu machen, das heißt, sie selbst entscheiden zu lassen, was sie als richtig oder falsch ansehen wollen. Dementsprechend muss man die Wahl haben, den Gesetzen des Universums, die die Märchen beschreiben, zu folgen oder es zu lassen - eben ganz so, wie man will.

 

Das Gesetz des Universums, das in diesem Märchen als Botschaft beschrieben wird, ist: „Bittet, so wird euch geholfen“, das, auch wenn es von Jesus kommt, sehr umstritten ist, denn wie es scheint, zeugen jährlich Milliarden von unerfüllten Bitten und Gebeten davon, dass dieses Gesetz nicht exis-tiert. Und hier zeigt sich das „Prinzip der freien Wahl“ von Märchen besonders deutlich. In den ersten Versionen des Märchens hat Gretel gebeten und Hilfe erhalten - allerdings nicht Hilfe von außen, son-dern innerliche Hilfe. In den späteren Versionen hat sie dagegen um Hilfe gebeten, aber sich dann sel-ber geholfen (oder helfen müssen). Was stimmt denn nun? Bekommt man nun Hilfe von einer höhe-ren Macht (Gott), oder bekommt man sie nicht, oder nur manchmal - oder was? Die Antwort darauf gibt das Märchen durch seine eigene Geschichte der unterschiedlichen Versionen bekanntlich nicht; und so bleibt es nach wie vor jedem Einzelnen überlassen, was er darüber denken will. Und sehen Sie, genau das ist, wie ich vermute, der tiefere Grund, warum dieses Märchen mit seinen verschiedenen Versionen so undurchsichtig ist. Mag ja sein, dass wir alle enttäuscht sind (ich eingeschlossen), weil man nichts Handfestes bekommt, an das man sich halten kann. Aber man wird ermuntert, darüber nachzudenken und sich sein eigenes Bild zu machen - und dadurch wird/ist man „mündig“. Das ist zwar anstrengend und kompliziert, aber gleichzeitig wunderschön.

 

Es gibt noch eine weitere tiefere Botschaft, die ich glaube gefunden zu haben. Dabei geht es um das Gottvertrauen, wie Hänsel es praktiziert hat. Da Hänsel mit seinem Gottvertrauen letztlich im Käfig der Hexe landet, scheint die Botschaft zu lauten, dass sich Gottvertrauen nicht lohnt. Aber machen wir uns nichts vor: Wären die Kinder dem weißen Vogel nicht gefolgt, der sie zum Hexenhaus geführt hat, wäre ihnen zwar das schreckliche Erlebnis mit der Hexe erspart geblieben. Aber dann wären sie un-weigerlich im Wald verhungert oder wirklich von wilden Tieren gefressen worden. Und selbst, wenn sie wieder nach Hause gefunden hätten, wäre das Problem mit der wirtschaftlichen Not der Familie nicht gelöst gewesen. So jedoch, durch die Reichtümer der Hexe, hat sich letztlich alles zum (beson-ders) Guten entwickelt. Ich will damit nicht unbedingt sagen, dass die Kinder der Hexe dankbar sein sollten - aber irgendwie wiederum doch - oder wie?

 

Kurzum, hier gibt es sehr viel zum Nachdenken und eventuell Neubewerten. Genau das ist es, was dieses Märchen will, und Märchen allgemein so unwahrscheinlich wertvoll macht - und dieses Märchen ganz besonders.

 

 

 

 © Diana Weisheit