Märchen (nur) für Kinder?

26.12.2015

 

 Über Märchen gibt es gerade heutzutage die Vorstellung, sie seien nette Kinder- geschichten. Ich will ja gar nicht bestreiten, dass besonders in jüngerer Zeit einige Kindergeschichten geschrieben wurden, die die Bezeichnung Märchen tragen, aber dies ist nur die Folge eines großen Missverständnisses. Die alten Märchen, ob Volksmärchen oder Kunstmärchen, sind weder nett noch überhaupt für Kinder geschrieben oder erzählt worden - und genauso sind sie keine Geschichten.

 

Für Kinder wurden sie meines Wissens erst vor etwa zweihundert Jahren und da besonders durch die Sammlung der Gebrüder Grimm entdeckt, nachdem diese ihre im Volk gesammelten Märchen "ent- schärft", also von gewissen sexuellen Anspielungen und zu großer Brutalität befreit hatten. Wohl des- wegen nannten die Grimms ihre Sammlung "Kinder- und Hausmärchen", also Märchen, die für alle im Haus lebenden Menschen, aber gerade auch für Kinder gedacht waren.

 

Nach dieser "Entschärfung" gelangten die Grimm´schen Märchen zu großer Beliebtheit bei den Kin- dern, wodurch mit der Zeit der Eindruck entstand, Märchen seien grundsätzlich speziell für Kinder da, und auch nur für sie - als Gute-Nacht-Geschichten, als Stück "Heile Welt", als moralische Anleitung.

 

Dabei sind Märchen genau dieses eben nicht: sie enthalten Grundwahrheiten über das Leben, die Welt und das Sein, und zwar "abseits" der Moral; sie sind nicht für Kinder, sondern für alle Menschen geschaffen, und sie handeln auch nicht von der naiven Vorstellung einer "heilen Welt", sondern sind, wie die Gebrüder Grimm es in ihrer Vorrede zum ersten Band am 3.7.1819 so schön ausdrückten "…von der unmittelbaren Lebensquelle getränkt…" und stellen das Zusammentreffen von "Poesie" und "Seele" dar, in denen eine "segnende Kraft" steckt.

 

Märchen kann man auch nicht willentlich schreiben. Wenn man dies versucht, erhält man nur eine Geschichte, die zwar wunderschön und tiefgreifend sein kann, aber eben kein Märchen ist, weil man, ob bewusst oder unbewusst, immer seine eigenen Ansichten oder Moralvorstellungen weitergibt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

 

Wie Märchen entstehen, ist ein Mysterium. Was mich und meine Märchen anbelangt, so kommen sie gewissermaßen als "Funke" zu mir, der sich langsam entwickelt und einem langwierigen und sehr anstrengenden Prozess der ständigen Korrektur durchläuft, durch den meine eigenen Moralvorstell- ungen herausgefiltert werden. Und auch, wenn ich mich nach der Fertigstellung eines Märchens oft- mals vor der Reaktion der Öffentlichkeit fürchte, so spüre ich doch, dass das, was daraus entstanden ist, "richtig", "wahr", "grundsätzlich", "zeitlos" und "wichtig" ist.

 

Ob die Märchen für Kinder gleichermaßen wie für Erwachsene geeignet sind, wird die Zeit zeigen. An- ders als die Sammlung der Gebrüder Grimm besitzen meine Märchen von Natur aus keine körperliche Brutalität und auch keine sexuellen Anspielungen, dafür aber die Brutalität der Wahrheit, besonders die Anmerkungen. Daher mag es in einigen Fällen möglicherweise bei kleinen Kindern besser sein, ihnen die Anmerkungen bis zu einer gewissen Reife vorzuenthalten. Darüber hinaus möchte ich mich den Worten der Gebrüder Grimm anschließen (auch aus der Vorrede des ersten Bandes, 1819): "Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden, nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzäh- lung. … Sollte man dennoch einzuwenden haben, dass  Eltern eins und das andere in Verlegenheit se- tze und ihnen anstößig vorkomme, so dass sie das Buch Kindern nicht geradezu in die Hände geben wollten, so mag für einzelne Fälle die Sorge begründet sein, und sie können dann leicht eine Auswahl treffen: im Ganzen, das heißt, für einen gesunden Zustand, ist sie gewiss unnötig."

© Diana Weisheit