Schneewittchen

 

Das Märchen von Schneewittchen (oder Sneewittchen) ist nach meinen Kri- terien eigentlich gar kein Märchen, sondern eine wunderschöne, wenn auch traurige Geschichte. Es besitzt vordergründig einen klaren Handlungsstrang ohne eine für Märchen typische Schleife (siehe den Artikel "Das Wesen von Märchen") und bezieht auch eindeutig Stellung dahingehend, dass ein Ver- halten wie das der bösen Stiefmutter einfach nicht in Ordnung ist und solche Machenschaften nicht durchgehen dürfen. Für die damalige Zeit, als das Märchen entstand, war diese Einstellung schon ungewöhnlich, da Könige (oder hier Königinnen) faktisch außerhalb des Gesetzes standen und Immu- nität besaßen. Daher könnte man vielleicht besser sagen: Das Märchen von Schneewittchen prognos- tizierte, dass solche abscheulichen Taten eines Tages geahndet würden - eine Prognose, die inzwi- schen zur Realität geworden ist.

 

Es war ja auch wirklich ein starkes Stück, das sich die Stiefmutter geleistet hat. Sie hat das arme Schneewittchen lediglich wegen dessen Schönheit verfolgt und mehrfach umbringen wollen. Der erste Versuch, den Jäger zum Handlanger zu machen, schlug dabei noch fehl, weil dieser die Tat nicht übers Herz brachte, doch die anderen Versuche, bei denen die Stiefmutter selbst Hand anlegte und Schnee- wittchen unter Vorspieglung falscher Tatsachen vergiftete, waren erfolgreich. Zweimal konnten die Zwerge diesen Prozess noch aufhalten und rückgängig machen, doch beim dritten Mal, als es keine äußerlichen Anzeichen gab, waren auch die Zwerge machtlos.

 

Daher brauchte es ein Wunder, damit es doch noch zu einem Happy End kommen konnte - eines, bei dem Schneewittchen wieder zum Leben erwachte, dabei gleich noch einen netten Prinzen bekam, der so vernarrt in sie war, dass er sie selbst als (vermeintliche) Leiche unbedingt in seiner Nähe haben wollte, und der nach ihrem Erwachen auch gleich um ihre Hand anhielt. Und natürlich schloss dieses Happy End mit ein, dass sie endgültige Sicherheit vor der bösen Stiefmutter erlangte, indem diese von dem Prinzen zum Tode verurteilt wurde und einen sehr grausamen Tod erleiden musste.

 

Wie gesagt, all das vollzieht sich auf klare, eindeutige Weise, die keine großen Fragen oder Unstimmig- keiten aufweist. Aber da gibt es auch noch die Moral(aussage) des Märchens, dass Eitelkeit verwerflich ist - und bezüglich dieser Aussage findet sich im Märchen ein Detail, das doch sehr merkwürdig ist.

 

Es ist zwar unbestritten, dass die Stiefmutter (in der Originalfassung übrigens noch die leibliche Mut- ter) den Mord an Schneewittchen nur deswegen plante und durchführte, weil sie es nicht ertragen konnte, dass jemand schöner war als sie. Aber so ist das nun einmal mit der Schönheit, sie ist ver- gänglich, und eine Frau in den mittleren Jahren kann sich auch noch so herausputzen, mit dem fri- schen Charme einer jungen, und dazu noch schönen Frau wird sie doch niemals mithalten können. Da heißt es, den Lauf der Dinge zu akzeptieren, anstatt die lästige Konkurrenz auszuschalten.

 

Doch wenn die Eitelkeit ein so großes Übel darstellt, dass sie die Stiefmutter zur Mörderin werden lässt, wie kommt es dann, dass alle drei Anschläge, die die Stiefmutter auf Schneewittchen verübt, durch Verlockungen gelingen, die der Eitelkeit schmeicheln? Die Zwerge hatten ganz klare Anweisun- gen erteilt, niemandem zu öffnen und nichts von Fremden anzunehmen, aber Schneewittchen miss- achtete diese Anweisungen, weil sie auf die schönen Dinge fixiert war. Beim ersten Mal handelte es sich um einen seidenen Schnürriemen, ein typischer Kleiderschmuck in früheren Zeiten, der die Taille schmaler wirken ließ. Beim zweiten Mal war es ein Kamm, der Schneewittchen so gefiel, "…dass es sich betören ließ und die Tür öffnete", wohl, um ihr Haar damit zum Glänzen zu bringen. Lediglich der vergiftete Apfel, der beim dritten Mal zum Einsatz kam, stellt vornehmlich ein Lebensmittel dar und scheint nicht in die Kategorie "Schmuck" zu passen. Allerdings war damals wie heute ein Apfel auch als Schönheitsmittel "von innen" bekannt, und Schneewittchen "lusterte", wie es im Text heißt, den schönen Apfel sicherlich nicht vor lauter Hunger an, denn zu essen gab es bei den Zwergen genug. Und davon einmal abgesehen hatte es bereits zwei Mordanschläge auf sie gegeben, denen sie nur mit knapper Not entkommen war - es musste also hinter ihrer "Lust" mehr dahinter stecken als der Wunsch nach einem gewöhnlichen Lebensmittel.

 

Dies lässt meines Erachtens eigentlich nur den Schluss zu, dass Schneewittchen, die von der Stiefmut- ter aus Eitelkeit verfolgt wurde, selber eitel war, so sehr, dass sie für ein bisschen Schmuck und Tand alle Bedenken in den Wind schlug, und zwar gleich dreimal, obwohl sie doch spätestens nach dem zweiten Mal hätte klüger sein müssen. Und das besonders Merkwürdige daran: die wegen ihrer natür- lichen Schönheit und Jugend so vielgerühmte Schneewittchen hätte es überhaupt nicht nötig gehabt, sich "herauszuputzen" - nicht nur wegen der Schönheit, sondern auch, weil sie abgesehen von den Zwergen ganz allein im Wald lebte. Für wen also hätte sie sich herausputzen können?

 

Kurzum, hier ist etwas sehr merkwürdig, und ehrlichgesagt habe ich auch keine zufriedenstellende Antwort darauf. Vielleicht geht es in Wahrheit gar nicht um Eitelkeit, oder es ist ein Zeichen dafür, dass Eitelkeit an sich nichts Schlimmes ist. Jedenfalls ergibt sich daraus eine Unstimmigkeit (keine Unlogik), die zum Nachdenken anregt und zeigt, dass "Schneewittchen" doch auch nach meinen Kriterien wah- res Märchen ist. Die Möglichkeit, die Tötungsmethoden hätten rein zufällig mit Schmuck und Eitelkeit zu tun, schließe ich aus, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in Märchen nichts zufällig ist, und alles eine Bedeutung besitzt. Um welche Bedeutung es sich dabei handeln mag, nun, das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, und vielleicht ist dies der wahre Grund, warum "Schneewittchen" zu den ganz großen und berühmten Märchen der Gebrüder Grimm zählt.

 

© Diana Weisheit