Die Sterntaler

 

"Die Sterntaler" aus der Grimm`schen Sammlung ist ein gutes Beispiel da- für, wieso Märchen vielerorts als Lügengeschichten angesehen werden.

 

Dieses sehr berühmte Märchen steht nämlich gemeinhin für die Hoffnung darauf, für gute Taten (eines Tages) belohnt zu werden. Allerdings genügt ein Blick, ob in die Gegenwart oder die Vergangenheit, um zu erkennen, dass die Realität eine andere ist. Vielmehr scheint es genau umgekehrt zu sein, und die guten Menschen sind vornehmlich arm und bleiben es auch bis zum Lebensende. Das Geld (die Sterntaler) fallen dage- gen für gewöhnlich dorthin, wo bereits Geld ist - zu den Dagoberts dieser Welt, die zumeist auch noch recht fragwürdige Charaktereigenschaften aufweisen. Sicher, es gibt Menschen, die gute Taten voll- bracht haben und auch reich geworden sind, aber sie stellen nur die Ausnahme und keineswegs die Regel dar.

 

Damit ist eindeutig, dass Reichtum beziehungsweise ein plötzlicher Geldsegen anderen Gesetzen fol- gen muss als dem Prinzip der Belohnung. Es ist daher mehr als verständlich, wenn logisch denkende Menschen zu dem Schluss kommen, dass Märchen (und hier besonders "die Sterntaler") reine Lügen- geschichten seien, die keinerlei Realitätsbezug hätten.

 

Die Sache ist nur die: in dem Märchen findet sich kein Hinweis auf eine Belohnung für "gute Taten" - es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem freimütigen Weggeben der wenigen Habselig- keiten und dem Sterntaler-Segen. Dort steht nur, dass das Sterntaler-Mädchen arm und fromm sei, und dass es auf Bitten anderer ihre Sachen Stück für Stück weggibt, bis es schließlich nackt ist. Eine Begründung, warum im Anschluss darauf die Taler vom Himmel regnen, folgt nicht - kein Hinweis wie "deswegen", "aus diesem Grund", "weil das Mädchen gut oder fromm war…", "wegen der guten Taten…" oder ähnliches. Stattdessen heißt es rein beschreibend: "Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel…". Dieses Wort "Da" kann zwar sowohl temporal als auch kausal benutzt werden, allerdings zieht es sich durch das ganze, sehr kurze Märchen und wird dort noch 10 weitere Male benutzt, immer temporal, immer den nächsten Handlungsschritt einläutend, so dass es richtig aufdringlich wirkt. Es scheint daher, dass die Gebrüder Grimm, die durchaus in der Lage gewesen wären, andere Wörter zu benutzen, um eine flüssigere Sprache zu erzielen, dies mit Absicht getan hätten: um darauf hinzuweisen, dass es sich auch bei diesem "Da" um eine rein zeitliche Konjunktion handelt. 

 

Den Gedanken, die Gebrüder Grimm hätten einen Fehler gemacht, kann man meines Erachtens aus- schließen, weil das Märchen vor der Zweitausgabe überarbeitet wurde, wobei es auch einen anderen Titel bekommen hat (in der Erstausgabe hieß es noch "Das arme Mädchen"), doch weder dort noch in einer der späteren Überarbeitungen wurde etwas an der besagten Textstelle verändert.

 

Wenn aber nicht die Belohnung, was mag dann der Grund für den Sterntaler-Regen gewesen sein?

 

Dazu gestatten Sie mir, wie schon bei meinen Gedanken zu "Hänsel und Gretel", einen Bezug zur Bibel herstellen. Es gibt nämlich ein Zitat von Jesus, das in drei der vier biblischen Evangelien vorkommt (Matthäus 13,12 u. 25,29, Markus 4,25, Lukas 8,18) und das vielleicht ein wenig Licht in die Angelegen- heit bringen kann. Jesus sagte: "Wer viel hat, dem wird noch mehr gegeben, so dass er mehr als genug haben wird. Wer aber wenig hat, dem wird auch noch das Wenige weggenommen werden, das er hat."

 

Dieser Satz bereitet vielen Christen Kopfzerbrechen, denn wenn man ihn auf materielle Dinge bezieht, erscheint es widersinnig, dass ausgerechnet Jesus eine solche Ungerechtigkeit als Gesetzmäßigkeit oder gar als "richtig" bezeichnet, und vermutlich ist das der Grund, warum man ihn gerne so interpre- tiert, dass andere Dinge, wie z.B. Wissen oder Freundschaft, damit gemeint sein sollen.  

 

Und auch für "Die Sterntaler" will der Satz eigentlich nicht passen, da, wie wir wissen, das Mädchen arm war, und zwar an allen uns üblicherweise wichtigen Werten, den materiellen wie auch emotiona- len, denn es hatte seine Eltern und seine Heimat verloren und besaß nur noch die Kleider, die es auf dem Leib trug, sowie ein Stückchen Brot. Doch war es in Wahrheit gar nicht wirklich arm, sondern viel- mehr innerlich reich: Reich an Vertrauen in Gott (so war es fromm, wie es heißt) und reich an inneren Werten (Umschreibung für "es war gut"). Seine letzten Habseligkeiten gab es auch nicht unter Zwang weg oder als Versprechen auf eine Belohnung, oder weil es sich moralisch verpflichtet gefühlt hätte. Nein, es tat dies freiwillig und freimütig, ohne Furcht und ohne Reue. Kurzum, es fühlte sich nicht arm, denn sonst hätte es sich anders verhalten. Im Gegenteil, es fühlte sich sehr reich - mit den Worten von Jesus ausgedrückt: es hatte viel. Und da es viel hatte, wurde ihm noch (viel) mehr gegeben, und zwar Sterntaler, denn davon, dass man in der Art immer das Gleiche bekommt, wie das, was man schon hat, sagt Jesus nichts.

 

Dies deckt sich übrigens mit einem spirituellen Gesetz, das lautet: Wer meint, er würde etwas brau- chen, der braucht es auch. Dahinter steht der Gedanke, dass das Innere das Äußere nach sich zieht. Wer also im Umkehrschluss meint, er würde nichts brauchen (wie das Sterntaler-Mädchen), weil er (innerlich) reich ist, zieht damit auch die äußeren Umstände an, die dem entsprechen - also Reichtum, der hier buchstäblich vom Himmel fällt.

 

Wenn man das Märchen aus dieser Sicht betrachtet, ist es alles andere als unlogisch, dumm oder falsch, sondern vielmehr höchst tiefsinnig, weise und wahr. Die Schleife, die es besitzt (siehe "Das Wesen von Märchen") ist raffiniert, höchst verschlungen und sehr schwer zu erkennen.

 

Wer also will, mag das Märchen dennoch als Lügengeschichte ansehen.   Nur eines sollte man nicht tun: die angebliche Botschaft von einer Belohnung für gute Taten ernst nehmen. Denn dann müsste man auch den Umkehrschluss zulassen. Danach wäre jemand nur deswegen arm, weil er nicht oder nicht genug "gute" Taten vorzuweisen hätte und selbst schuld an seiner Situation sei. Dementsprech- end könnten sich die Reichen darauf berufen, sie seien "gute Menschen", sonst wären sie ja nicht belohnt worden.  Dieser Umkehrschluss ist nicht nur nicht zutreffend, er würde auch fatale Folgen für die Gesellschaftsstruktur nach sich ziehen.

 

 

Falls Sie sich das Märchen noch einmal in Erinnerung rufen wollen, können Sie das hier nachfolgend tun. Der Text stammt aus der Erstausgabe der Gebrüder Grimm von 1819, und hat, wie man sieht, noch den alten Titel.

 

© Diana Weisheit 2016

 

 

Das arme Mädchen.

 

Es war einmal ein armes, kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, es hatte kein Haus mehr in dem es wohnen, und kein Bett mehr, in dem es schlafen konnte, und nichts mehr auf der Welt, als die Kleider, die es auf dem Leib trug, und ein Stückchen Brod in der Hand, das ihm ein Mitleidiger geschenkt hatte; es war aber gar fromm und gut. Da ging es hinaus, und unterwegs begegnete ihm ein armer Mann, der bat es so sehr um etwas zu essen, da gab es ihm das Stück Brod; dann ging es weiter, da kam ein Kind, und sagte: „es friert mich so an meinem Kopf, schenk mir doch etwas, das ich darum binde,“ da thät es seine Mütze ab und gab sie dem Kind. Und als es noch ein bischen gegangen war, da kam wieder ein Kind, und hatte kein Leibchen an, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin, endlich kam es in Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: es ist dunkele Nacht, da kannst du wohl dein Hemd weggeben, und gab es hin. Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blanke Thaler, und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, hatte es doch eins an, aber vom allerfeinsten Linnen, da sammelte es sich die Thaler hinein und ward reich für sein Lebtag.