Der Mantel

Dies ist das Märchen vom einsamen König, der sich nichts in der Welt mehr wünschte als eine Frau, die ihn aufrichtig lieb- te. Doch sein Wunsch schien leider nicht in Erfüllung zu ge- hen.

 

Dazu muss man wissen, dass der König seinen Thron einst von seinem Vater geerbt hat, ganz so, wie es üblich war. Seitdem trug er die Königskrone und auch den Mantel seines Vaters, um seine Königswürde für alle sichtbar zu machen. Eigentlich hätte die Krone dazu genügt, doch der König wollte sichergehen, dass niemand seinen Anspruch infrage stellen würde. So zumindest redete er es sich ein. Tief in seinem Inneren jedoch war er voller Zweifel, ob er auch würdig genug war, über das Volk zu herrschen, denn er war nicht wie sein Vater. Und so dachte er, wenn er den Mantel seines Vaters trug, würde ihn jeder als Herrscher anerkennen.

 

Nun war der König aber tatsächlich ein guter König, wenn auch auf eine ganz andere Art als sein Vater, aber mindestens genauso gut wie dieser - wenn nicht sogar noch besser. Allerdings wusste er das nicht.

 

Mit seinem Mantel sah der König sehr stattlich aus. Da war es sicherlich kein Wunder, dass ihn die Frauen anhimmelten. Selbst die schönsten von ihnen lagen ihm zu Füßen. Sie alle waren verrückt nach dem Mann, den sie auf dem Thron sahen. Sie waren verrückt nach dem Mann mit dem könig- lichen Mantel, und vor allem waren sie verrückt nach dem Mann mit der großen Sehnsucht in seinen Augen - jener Sehnsucht nach der Frau, die ihn aufrichtig liebte.

 

Wenn dieser Mann seinen Blick auf eine Frau richtete, war es wie ein stummer Ruf. Er lautete: “Bist du die Eine, die Eine für mich?“ Dieser Ruf war so stark und kraftvoll, dass jede Frau ihn tief in ihrem Inneren empfing, auch wenn sie ihn nicht hören konnte. Und weil jede Frau verrückt nach diesem Mann in dem stattlichen Mantel war, antwortete sie mit ihrem Blick genauso stumm: “Oh bitte, lass mich die Eine sein!“...

 

Anmerkungen

Uns Frauen wird ja immer wieder nachgesagt, wir würden auf einen Traumprinzen warten, der uns auf seinem weißen Pferd abholt, um aus uns eine Prinzessin zu machen. Männer hingegen, so heißt es, sollen sich eine Frau wünschen, die sie errettet, sei es aus der Einsamkeit oder von ihren persön- lichen Unzulänglichkeiten.

 

Ob diese Behauptungen zutreffen, kann ich nicht beurteilen, und das will ich auch nicht, jedoch sind sie für den "Mantel" relevant, weswegen ich sie anspreche. Relevant sind sie deshalb, weil man geneigt sein könnte, die Eine aus dem Märchen mit diesen Behauptungen zu verknüpfen. Das wäre nämlich schade, denn die Eine, wie ich sie verstehe, ist etwas anderes als ein Traumprinz oder eine Traumfrau. Bei ihr (oder im umgekehrten Fall natürlich ihm, also dem Einen) handelt es sich vielmehr um diejenige, bei der es keine Fragen mehr gibt, sondern nur noch Antworten, wie es in dem Märchen auch dargestellt wird. Durch sie erkennt man, dass man am Ende einer Reise angekommen ist, und zwar auf eine Weise, die das Gefühl des Verliebtseins oder des "Sich-Geborgen-Fühlens" bei weitem übersteigt.

 

Die Eine "macht" uns aber nicht zur Prinzessin, wie man es sich von einem Traumprinzen erhofft; sie ist nicht die Traumfrau, die uns "errettet". Das muss sie auch gar nicht, denn die Eine kann erst dann für eine Beziehung zur Verfügung stehen, wenn wir uns selbst bereits entdeckt haben und uns so zeigen, wie wir in Wahrheit sind. Denn nur, nachdem wir fremde Mäntel abgelegt und innere Mauern gesprengt haben, kann sie unsere wahre Gestalt erkennen. Und dann, wenn wir dadurch unseren wirklichen Platz im Leben eingenommen haben (den Platz des Königs in unserem Königreich), gibt es für sie keinen Grund mehr, uns zu retten oder uns zur Prinzessin (zum Prinzen) zu machen. Sie muss einfach nur noch die Stelle der Königin an unserer Seite einnehmen....

 

Ende der Leseprobe (Auszug Band 2 Nummer 13)

 

© Diana Weisheit