Der Turm

Dies ist das Märchen von der kleinen Haya, die einen Turm bauen wollte. Daher bat sie ihre Mutter, passende Bauklötze zu kaufen. Doch die Mutter weigerte sich, und meinte, Türme zu bauen wäre nichts für Mädchen, sondern nur für Jungen.

 

Nun wünschte sich Haya aber mehr als alles andere, einen Turm zu bauen, und zwar nicht irgendeinen Turm, sondern einen, der der höchste Turm der Welt werden sollte. Daher sammelte sie in ihrer Not heimlich Steine, die sie auf der Straße fand, um sich so ihren Wunsch trotz- dem zu erfüllen.

 

In ihrem Zimmer begann sie dann mit größter Vorsicht, die Steine aufeinander zu stapeln. Bevor sie einen Stein benutzte, überlegte sie zunächst ganz genau, ob er auch der Richtige für diesen Platz war, und wie sie ihn am besten setzen sollte. Sie wollte keine Fehler machen, da der Turm doch der höchs- te von allen werden sollte. Daher legte sie ihn erst dann, wenn sie sich ganz sicher war, mit ruhiger Hand ab.

 

Sie hatte vielleicht zehn Steine aufeinander gelegt, da kippte der Turm um. Gleich versuchte sie es noch einmal, und danach wieder und wieder aufs Neue, gab sich jedes Mal noch mehr Mühe als zuvor, aber es nutzte nichts. Immer wieder brachen die Türme zusammen, die einen früher, die anderen später, doch höher als Haya selbst wurde kein einziger von ihnen.

 

Irgendwann gab sie auf, weil sie nicht wusste, warum sie es nicht schaffte, die Türme höher zu bauen, bevor sie in sich zusammenfielen, und auch nicht, was sie noch besser machen könnte. Deswegen kam sie zu dem Schluss, dass ihre Mutter wohl doch recht hatte, und es wirklich nichts für Mädchen wäre, Türme zu bauen.

 

Auf den Gedanken, dass es nicht an ihr, sondern den Steinen gelegen haben könnte, kam sie jedoch nicht....

 

Anmerkungen

Nicht wenige, möglicherweise sogar die meisten Menschen, leben ein so genanntes unbedeutendes Leben. Da ist nichts, was weltbewegend oder außergewöhnlich wäre. Und wenn sie sterben, scheint von ihnen nichts weiter zu bleiben als ein Grabstein - und vielleicht Kinder.

 

Haya führt so ein Leben. Das wird in dem Märchen nur nicht explizit beschrieben, weil da einfach nichts ist, was diesbezüglich erwähnenswert wäre - außer der Sache mit dem Turm natürlich. Und auch die werden sicher viele als unbedeutend ansehen, dazu noch als nicht mehr zeitgemäß, denn wie wir alle wissen, dürfen Mädchen mittlerweile durchaus mit Bauklötzen aller Art spielen und so hohe Türme bauen, wie sie wollen.

 

Nun handelt es sich beim Bau von Türmen, wie Sie sicher schon bemerkt haben, um eine Metapher für Herzenswünsche, die einem verwehrt werden, und dieses Thema ist leider nach wie vor aktuell - sowohl für Mädchen als auch für Jungen, denn nicht nur die Mädchen werden oft mit zum Teil haarsträubenden Argumenten abgespeist, sondern auch viele Jungen.

 

Aber dies nur am Rande, denn das eigentliche Thema des Märchens behandelt die Zeit nach dem Tod.....

 

Ende der Leseprobe (Auszug Band 3 Nummer 29)

 

 © Diana Weisheit