Die Tür

Dies ist das Märchen von Dora, die sich in ihrem schönen Haus gar nicht wohl fühlte, da bei ihr immer wieder merkwür- dige Gestalten auftauchten.

 

Die Eindringlinge kamen einfach ungefragt herein und liefen mit ihren schmutzigen Stiefeln überall herum. Dabei durch- stöberten sie alle Schränke, plünderten die Vorratskammer, warfen alle Gegenstände um und hinterließen große Un- ordnung und viel Dreck. Es war grauenhaft. Dora stand jedes Mal mit Tränen in den Augen daneben und sah hilflos zu, wie ihr Haus verwüstet wurde. Doch so sehr sie es sich auch gewünscht hätte, sie konnte nichts anderes tun, als hinterher alles wieder in Stand zu setzen, so gut es eben möglich war.

 

Viele Jahre lang ging dieses Treiben, bis Dora eines Tages genug davon hatte. Sie nahm all ihren Mut zusammen und forderte die Eindringlinge auf, ihr Haus zu verlassen. Aber die Unholde dachten über- haupt nicht daran zu gehen. Im Gegenteil, sie meinten ganz frech, Dora sei doch selber schuld an allem, bevor sie sich gleich wieder über die Vorräte hermachten.

 

Dora war sprachlos. Was hatten diese unverschämten Kerle gesagt? Sie sollte selbst schuld an diesen Zuständen sein? Das war ja wohl die größte Frechheit, die sie jemals gehört hatte. Jahrelang hatte sie zugesehen, wie sich diese Unholde auf ihre Kosten ein schönes Leben machten, und nun wurde sie selber noch als Schuldige angesehen? Das konnte nicht wahr sein, das durfte einfach nicht wahr sein. Vor lauter Wut rannte sie aus dem Haus und die Straße entlang. Sie wusste zwar nicht, wo sie hinlief, aber das war ihr in diesem Augenblick egal.

 

Nachdem sie eine ganze Zeitlang gegangen war, fühlte sie sich ein wenig besser. Die frische Luft hatte ihr gut getan, und die Bewegung ihre Wut gemindert. Nun war sie ein wenig erschöpft, daher war ihr die Bank am Ende der Straße gerade recht. So setzte sie sich erst einmal auf die Bank und grübelte vor sich hin. Kurz darauf kam eine freundliche Frau zu der Bank und setzte sich neben Dora. Und es dauerte nicht lange, bis die beiden Frauen in ein anregendes Gespräch vertieft waren. Als Dora von den Kerlen erzählte, die ihr Haus verwüsteten, hörte die Frau besonders aufmerksam zu. Doch dann fragte sie: „Warum schließen Sie nicht einfach Ihre Haustür?"....

 

Anmerkungen

 

Dass das Leben kein immerwährender Frühlingsspaziergang ist, hat wohl jeder schon erfahren, und ich denke, es erwartet auch eigentlich niemand. Aber wenigstens das eigene Haus sollte ein Ort sein, in dem man geschützt ist; wo man Erholung findet und Kraft tanken kann für die Widrigkeiten des Lebens - das gilt für die eigenen vier Wände genauso wie für den inneren Raum. Daher ist es be- sonders schlimm, wenn sich dort Unholde eingenistet haben, da man sich gegen sie nicht erfolgreich wehren kann - zum einen sind sie in der Überzahl, und zum anderen verhalten sie sich skrupellos und abseits jeglichen Anstands. Leider handelt es sich dabei nur selten um einen vorübergehenden Zustand, und so ist jeder, der wie Dora in eine solche Situation gerät, zu bedauern.

 

Nun erfahren wir innerhalb des Märchens jedoch, dass Dora einst das Türblatt (den Selbstschutz) an ihrem Haus entfernte, und somit im wahrsten Sinne des Wortes den Unholden Tür und Tor geöffnet hat. Dadurch ändert sich der Sachverhalt natürlich enorm, und man kann schnell zu dem Urteil kommen, Dora sei "selbst schuld" an ihrer Situation. In Fachkreisen heißt das "man nimmt seinen Raum nicht ein" oder man hat keinen beziehungsweise zu wenig "Selbstschutz". Aber, und das ist die gute Nachricht, dies kann man ändern, und so fordern Ratgeber die Betroffenen auf, einen Schutz- mechanismus aufzubauen (das Türblatt wieder einzusetzen). Sicher benötigt man dazu viel Mut, doch letztlich ist es ganz einfach. Man muss nur anfangen, der Rest fügt sich dann schon - selbst die Unholde sollen von ganz allein aus dem Leben des Betreffenden verschwinden.

 

Bitte denken Sie jetzt jedoch nicht, das Märchen wolle Ihnen zeigen, wie einfach es sei, seinen Raum einzunehmen, auch wenn es auf den ersten Blick bei Dora genau so erscheint. Noch weniger geht es darum, jemanden in ähnlicher Situation zu verurteilen, weil er nicht in der Lage ist, seinen misslichen Zustand abzustellen, denn in Wahrheit sagt das Märchen eigentlich etwas anderes aus....

 

Ende der Leseprobe (Auszug Band 2 Nr. 18)

 

© Diana Weisheit