Das Haus

Dies ist das Märchen von Micha, der mit seiner Familie in einem Haus am See lebte. Das Haus war nicht groß, aber doch sehr prächtig anzusehen, auch wenn man ihm hier und da sein stattliches Alter und die bewegten Zeiten ansah, die es mitgemacht hatte. Micha und seiner Familie ging es in dem alten Haus sehr gut; so gut, dass sie Gäste zu sich einluden, damit diese ihnen bei der Arbeit halfen.

 

So lebten sie eine Zeit lang recht friedlich zusammen mit den immer zahlreicher werdenden Gästen, bis Micha eines Tages einen kleinen Riss in einer der Hauswände bemerkte. Darüber war er zunächst einmal nicht weiter erstaunt, weil er dachte, ein kleiner Riss wäre wohl nicht ungewöhnlich für ein so altes Haus. Erst als der Riss immer breiter wurde, machte er sich Sorgen und berichtete auch seiner Familie davon. Aber niemand wollte ihm Gehör schenken, denn der Gedanke, ein Haus, das schon so viele Stürme überstanden hatte, könne in Gefahr sein einzustürzen, erschien ihnen einfach zu abwegig.

 

Doch einige Zeit später, als plötzlich die Wände anfingen zu wackeln, und sich der Riss auch durch den Fußboden zog, bekamen es viele mit der Angst zu tun. Sie brüllten: „Das Haus ist durch die Gäste zu schwer geworden. Sie müssen daher sofort gehen, sonst stürzen wir alle in den Tod!“ Die anderen entgegneten: „Ach was, dies ist kein Riss, sondern ein Zeichen dafür, dass das Haus wächst. Wir müssen einfach noch mehr Gäste einladen, damit es noch schneller wachsen kann und noch stattlicher und stärker wird!“

 

Und dann fingen sie an erbittert zu streiten und warfen sich gegenseitig vor, dumm oder selbstsüchtig zu sein. Der Streit schaukelte sich immer weiter hoch, bis Micha zur Tür hereingestürmt kam. Er war der einzige gewesen, der, anstatt sich an dem Streit zu beteiligen, nach draußen gelaufen war, um nach der Ursache zu suchen. Aufgeregt rief er: „Es liegt an den Pfeilern! Sie sind morsch!“

 

Dies schienen wohl alle gehört zu haben, denn mit einem Schlag wurde es still im Haus, und jeder drehte sich erstaunt zu Micha um: „Pfeiler?“, fragten sie verwundert, „was denn für Pfeiler?“

 

„Na, die Pfeiler, auf denen das Haus steht. Kommt und seht! Kommt mit und helft, sonst wird das Haus bald zusammenbrechen!“ Damit machte er sogleich auf dem Absatz kehrt und rannte wieder hinaus.

 

Die anderen schauten ihm zuerst ein wenig ungläubig nach, doch dann setzte sich einer nach dem anderen in Bewegung, um nachzusehen, was es mit diesen Pfeilern auf sich hatte.

 

Schließlich waren alle Familienmitglieder nach draußen und zur Rückseite des Hauses gekommen, wo Micha sie bereits ungeduldig erwartete. Noch nie zuvor war jemand von ihnen dort gewesen, da man dazu nicht den gut ausgebauten, breiten Weg nehmen konnte, der vom Eingang wegführte, sondern sich durch einige Büsche schlagen und anschließend auch noch eine steile Böschung hinabsteigen musste ‒ was nicht angenehm war.

 

Nun aber hatten sie dies auf sich genommen, und so standen sie neben Micha und erkannten, dass das Haus tatsächlich auf Pfeilern errichtet worden war. Anders als gedacht lehnte es nur an der Böschung am Seeufer, und anstatt auf dem festen Boden zu stehen, ruhte es einzig auf einer Vielzahl von hölzernen Pfeilern, die aus dem sandigen Uferstreifen ragten. Und eben diese Pfeiler waren wirklich morsch, genau wie Micha es bereits gesagt hatte. Ja mehr noch, sie waren gerade dabei, sich langsam aber sicher aufzulösen. Es war eindeutig, dass sie nicht mehr lange Stand halten konnten, wodurch das gesamte Haus unweigerlich zusammenbrechen würde.

Für einen Augenblick waren alle Familienmitglieder starr vor Schreck, doch dann überlegten sie sich einen Plan und schritten sogleich ans Werk. Dazu schafften sie zunächst lange Balken heran, mit denen sie das Haus erst einmal notdürftig stützten, bevor sie die morschen Pfeiler einen nach dem anderen abschlagen und an dessen Stelle einen neuen errichten konnten.

 

Doch als sie den ersten Pfeiler entfernt hatten, erkannten sie, dass es nicht genügen würde, lediglich die Pfeiler auszutauschen. Denn die alten Pfeiler waren einst ohne eine feste Unterlage, einfach auf dem sandigen Boden errichtet worden. Wie jeder wusste, baute man ein Haus aber aus gutem Grund niemals auf Sand, erst recht nicht eines, das auf Pfeilern stand, da die Pfeiler allein durch den Druck des Hauses im losen Sand langsam versinken würden. Und selbst, wenn dies nicht geschähe, würde jedes Unwetter das Haus zum Einsturz bringen, weil der nasse, sandige Boden den Pfeilern keinerlei Halt bot, und somit jede Böe das Haus umwerfen konnte.

 

Nun hatte es in der Vergangenheit aber oftmals geregnet, und den Überlieferungen zufolge waren sogar mehrere schwere Unwetter über das Haus hinweggefegt. Dass das Haus dies alles überstanden hatte, war allen ein völliges Rätsel, was sie sich nur durch unverschämtes Glück erklären konnten.

 

Auf weiteres Glück wollte aber verständlicherweise niemand aus der Familie bauen, und so beschlossen sie, zu-nächst einmal eine feste Unterlage zu schaffen. Dazu teilten sie sich in drei Gruppen auf, und während die einen große Steine am Seeufer sammelten, gruben die anderen an der jeweiligen Stelle, an der ein neuer Pfeiler eingesetzt werden sollte, den Sand aus – so tief, bis sie auf eine feste Gesteinsschicht stießen. Dann füllten sie das Loch mit den Steinen und Mörtel auf, und erst danach setzten sie den neuen Pfeiler ein, den die dritte Gruppe währenddessen vorbereitet hatte.

 

Es war eine schwere und gleichzeitig höchst gefährliche Arbeit, da das Haus jederzeit zusammenbrechen konnte, während man gerade darunter stand. Dennoch ließ sich niemand beirren, und ein Jeder gab sein Bestes, ohne sich zu beklagen. Im Gegenteil, alle fühlten sich so lebendig wie nie zuvor im Leben, weil sie spürten, dass sie an etwas Großartigem teilhatten, an etwas, das Bestand haben würde. Und dies machte sie sehr glücklich.

 

So arbeiteten sie weiter, Hand in Hand, jeder für jeden und alle für das Haus, während sie, ohne es recht zu bemerken, zu einer solch starken Gemeinschaft zusammenwuchsen wie nie zuvor. Unter ihnen befanden sich auch einige der Gäste, die Michas Ruf gefolgt waren. Aus ihnen wurden erst Freunde und bald auch Familienmitglieder.

 

Schließlich war das Werk tatsächlich vollbracht. Sie hatten nicht nur alle Pfeiler ersetzt, die nun sicher auf einer festen Unterlage standen; es war ihnen sogar mit vereinten Kräften gelungen, das gesamte Haus auf seine ursprüngliche Höhe anzuheben, wodurch sich auch der Riss wieder geschlossen hatte.

 

Und dann gingen sie gemeinsam, völlig erschöpft, aber unsagbar glücklich, zurück ins Haus. Dort wollten sie zunächst einmal die Gelegenheit nutzen und das Haus wieder richtig auf Vordermann bringen. Anschließend wollten sie ein großes Fest feiern ‒ zu Ehren des Hauses, das nun bestens für die Zukunft gerüstet war; und aus Freude über ihre neue Gemeinschaft und Einigkeit, die sie mit tiefer Dankbarkeit erfüllte.

 

Als sie aber das Haus betraten, stellten sie verwundert fest, dass die Gäste – all jene, die nicht mitgeholfen hatten und damit auch nicht zu Familienmitgliedern geworden waren ‒ das Haus in der Zwischenzeit verlassen hatten. Doch während alle noch überlegten, warum die Gäste dies getan hatten, ob aus Angst vor dem Untergang des Hauses oder um sich eine bessere Bleibe zu suchen oder aus einem anderen Grund, hörten sie von draußen laute Geräusche. Und als sie ans Fenster traten, sahen sie viele Menschen vor dem Nachbarhaus stehen, genauso vor dem Haus daneben und vor jedem weiteren Haus, das sie vom Fenster aus erkennen konnten. Bei manchen standen die Menschen still vor ihren Häusern, bei anderen beratschlagten sie sich aufgeregt, oder sie trugen große Balken zu ihren Häusern.

 

Nun stand es für Micha und seiner Familie außer Frage: Die Gäste waren nach Hause zurückgekehrt, um die eigenen Häuser zu untersuchen. Und wie es schien, wiesen diese wohl alle auch Schäden an ihren Pfeilern auf. Welche Maßnahmen die Nachbarn durchführen würden, um die Schäden zu beheben, konnte man noch nicht erkennen, aber es war doch eindeutig zu sehen, dass etwas unternommen wurde.

 

Letztlich, da waren sich alle aus der Familie einig, würde es dazu führen, dass auch die anderen Häuser für die Zukunft gerüstet wären. Dies freute sie über alle Maßen. Und von diesem Augenblick an sahen sie in dem Riss an ihrem Haus einen Glücksfall, da er etwas sehr, sehr Gutes bewirkt hatte ‒ nicht nur für sie selbst, sondern für alle ihre Nachbarn gleich mit.

 

Sie nahmen sich auch vor, den Nachbarn zu helfen, wenn diese es wünschten, um ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aber zuerst wollten sie das Haus streichen und herausputzen, damit es innen wie außen so schön wurde wie nie zuvor, um anschließend ihr Fest zu feiern – ein Fest, wie es die Welt noch nie gesehen hatte.

 

Und so geschah es auch.

 

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