Der Graf

Dies ist das Märchen von dem Grafen, der weit über die Grenzen seines Landes hinaus berühmt war und als sehr wei- se galt. Und von dem man glaubte, er hätte das Glück wohl schon in die Wiege gelegt bekommen.

 

 Seitdem er über die Grafschaft herrschte, gab es dort Wohl- stand, Frieden und Freude. Es kam allen sogar vor, als würde die Sonne öfter als anderswo scheinen. Allerdings wusste nie- mand, wie es dazu gekommen war.

 

Nur der Graf kannte den Grund für das Glück in seiner Grafschaft, aber er verriet ihn nicht. Jedoch wunderte er sich immer wieder darüber, dass niemand von selbst darauf kam, weil die Lösung so einfach war und sich buchstäblich vor den Augen aller befand. Aber wie es nun mal so war in der Welt, dachte niemand wirklich nach oder beobachtete die Dinge genauer. Daher blieb das Geheimnis um den Erfolg des Grafen unentdeckt.

 

Um dieses Geheimnis zu lüften, sollte man wissen, dass der Graf nicht immer ein Graf gewesen war, auch keines Grafen Sohn oder eines anderen Hochgeborenen, sondern im Gegenteil nur der jüngste Sohn eines armen Bauern....

Ende der Leseprobe

 

Anmerkungen

 

"Sein Glück zu machen" ist wohl seit jeher ein Wunsch der Menschheit, und so ist es nur verständlich, wenn sich auch Märchen mit diesem Thema befassen - klassische wie auch moderne. Die Märchen begnügen sich dabei nicht damit, die Sehnsucht danach auszudrücken, sie bieten auch Wege an, wie man dieses Ziel erreichen kann, sei es nun Reichtum, Titel, Macht, Ansehen, eine gute Beziehung oder sonstiges. Die Palette der dort angebotenen Wege ist reichhaltig, sie geht vom rein altruistischen, hilfsbereiten Weg eines Sterntaler-Mädchens bis zum listigen, selbstbewussten Gauner-Trick eines tapferen Schneiderleins. Und auch, wenn die Märchen klar beschreiben, wie steinig der Weg werden kann, so ist die Botschaft doch eindeutig: man kann sein Glück machen, auch wenn die Umstände noch so widrig sind!

 

Vor Hunderten von Jahren, als die klassischen Märchen entstanden sind, schien diese Botschaft noch völlig abwegig zu sein. Man wurde in einem gesellschaftlichen Stand geboren, in dem man bis zu seinem Ende auch blieb; Ehen wurden befohlen, hatten daher mit Liebe nur selten etwas zu tun; und wer mittellos war, der starb zumeist auch arm. Ausnahmen davon hat es sicherlich gegeben, doch die hielt man eher für Gerüchte.

 

Ich denke, dies ist der Grund, warum man Märchen vielerorts als "unglaubliche Geschichten" betrach- tet und Redewendungen geprägt hat, die Märchen zu Phantasien romantischer Spinner degradieren.

 

Nun hat die Zeit den Märchen Recht gegeben: Den Schatz vom Sterntaler-Mädchen kennen wir alle unter dem Namen Lotterie oder Preisausschreiben, und wahrscheinlich bezweifelt niemand mehr, dass er sich plötzlich und unerwartet über uns ergießen kann, sofern wir unseren Willen dazu tat- kräftig kundtun. Desgleichen werden Ehen, zumindest in unserem Kulturkreis, für gewöhnlich frei- willig geschlossen; und was den gesellschaftlichen Aufstieg anbelangt, bezeugen eine Fülle von erfolg- reichen Künstlern, Politikern und Selfmade Unternehmern, dass es durchaus von ganz unten nach ganz oben gehen kann - selbst eine Königs-Anwartschaft ist ja mittlerweile nicht mehr nur dem Adel vorbehalten. Kurzum, das, was die Märchen bezüglich des Erfolges unglaubwürdig erscheinen ließ, ist heute keine Seltenheit mehr....

Ende der Leseprobe (Auszug Band1 Nummer 4)

 

© Diana Weisheit